Methodisches Vorgehen bei der Auslegung zu Hiob (AT)

(Auszug: S.9-29 aus:

Leiden und hoffen mit Hiob: freier Glauben und Gottes Wort in der heutigen Zeit.

Eine Interpretation des Hiob Berichts (AT) unter Verwendung von ´Hiobs Testament`

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Auszug S.10 -30 ohne Fußnoten


3. Methodologie und Methode transzendentalen Verstehen
3.1. Apriorie
Die Heilige Schrift entfaltet ihre Bedeutung weder als Sachbuch für Natur- oder Sozialge-schichte, Ethik und Moral, noch als fiktionale Literatur. Selbst als praktischer Ratgeber ist sie, weil auslegungsbedürftig und zu oft widersprüchlich erscheinend ungeeignet. Um mit Nutzen die Bibel zu lesen, erfordert ihr Verstehen einen einzigartigen Zugang. Dieser wird nachfolgend als Prozess des transzendentalen Schriftverstehens beschrieben. Die Begründung für diesen Weg ergibt sich aus der Glaubenstatsache, dass es sich bei dem Hiob Bericht um Gottes Wort handelt. Das bedeutet zunächst
:a)Als Offenbarung Gottes kann die Bibel nur aus ihrem inneren und dem Zusammen-hang mit anderen Heiligen Schriften verstanden werden. Thora, Altes und Neues Testament (AT +NT) spiegeln eine fortschreitende Offenbarung wider. Sie findet im Koran, den man als von Gott gegebene Auslegungshilfe des Evangeliums be-trachten kann, ihren derzeitigen Abschluss. Aus Sicht Gottes widersprechen Bibel und Koran einander nicht
.Das Verstehen der Heiligen Schrift ist kein einmaliger und jemals abgeschlossener Akt, sondern eine permanente Übung. Sprach-, literaturkritische sowie zeit- und kulturhistorische Untersuchungen können eine wertvolle Hilfe sein. Sie beinhalten aber die Gefahr eines akademischen Selbstzweckes und der Ablenkung
.b )Alle wichtigen Themen sind in der Bibel mehrfach und in unterschiedlichen Kon-texten dargelegt. Schwer verständliche Stellen können ausgehend von den leich-ter verständlichen erschlossen werden. Widersprüche sind nicht als einander aus-schließende Aussagen zu betrachten, sondern als Aufforderung die Kontextualisie-rung zu erweitern und ein höheres Abstraktionsniveau zu wählen. Denn bei Gott sind Dinge möglich, die dem Menschen unmöglich erscheinen. Solange Gott im Denken bzw. der Auslegung der Heiligen Schrift widersprüchlich erscheint, ist das Verstehen revisionsbedürftig. Letztlich gibt es eine Grenze des Verstehens. Glau-ben heißt, diese Grenze zu akzeptieren
.c )Das transzendentale Verstehen versucht die Worte Gottes aus Gottes Sicht zu ver-stehen und das profane Verstehen zu überwinden. Neben Zeitgeist und Sozialisa-tion erschwert vor allem die Neigung zur Reifikation (Neigung abstrakte Sachver-halte dinglich aufzufassen, siehe weiter Kapitel 3.3.) ein angemessenes Verstehen des Wort Gottes. Beispielsweise sind >Frau< und >Mann< im Kontext der Heiligen Schrift nicht als biologische Kategorien im Sinne unterschiedlicher Geschlechter (Reifikation) aufzufassen, sondern als Ausdruck gottgewollter menschlicher Un-vollkommenheit (transzendentale Sicht)
.d)Zwar ist der Menschen in der Lage mithilfe des Heiligen Geistes und der Heiligen Schrift zuverlässiges Wissen über Gott zu erlangen, aber kein vollständiges. Zudem beinhaltet ´zuverlässig` nicht, dass alle Aussagen für jeden einzelnen die gleiche Bedeutung haben müssen. So wie ja auch die Relevanz bestimmter Inhalte von Mensch zu Mensch, von Situation zu Situation sich ändert. Ändert sich die Mei-nung eines Menschen im Laufe des Lebens, so bedeutet das nicht zwingend, dass die ältere Meinung nicht-richtig war

Das Anerkennen der Autorität der Heiligen Schrift setzt die Anerkennung der Existenz Got-tes und Gottes Wirken als Schöpfer voraus. Es gibt, auch nicht mit Berufung auf die Heilige Schrift, keinen zwingenden Grund an Gott glauben zu müssen. Der fehlende ´Zwang des Fak-tischen` ist die emotionale, intellektuelle und soziale Voraussetzung, um glauben zu können. Dass Glauben-Können vielen Menschen schwerfällt, weil sie von den Verbrechen der Kirchen und Religionsführen (für die katholische Kirche vgl. Deschner, K. 1987, sowie sexuellem und religiösem Missbrauch weltweit) enttäuscht sind und deshalb das ´Kind mit dem Bad` aus-schütten, ist verständlich. Ist aber die Bereitschaft Glauben zu wollen erhalten, besteht die Möglichkeit, das ´Kind` zu retten. Leicht ist der Weg nicht, weil es neben den offensichtlichen auch eine Reihe verdeckte Argumente gegen die Existenz Gottes zu überwinden gilt. So glaubt man zu Recht, entweder Gott ist gerecht und gütig oder es gibt keinen Gott. Entweder Gott ist treu und zuverlässig oder Gott ist nicht mehr als eine Projektion. Schwierigkeiten, um die es gerade auch im Hiob Bericht geht und die zeigen, dass die menschlichen Vorstellungen von Gerechtigkeit, Güte, Treue, Zuverlässigkeit und Handeln keineswegs mit den von Gott über-einstimmen
.Man muss sich darüber im Klaren sein, und damit ist schon eine Lehre des Hiob Berichts vorweggenommen, die Logik Gottes und Gottes Sichtweise auf die Welt entsprechen nicht der des Menschen (ausführlich Kapitel 4). Um nicht an den scheinbaren Widersprüchen und dem Unerklärlichem in Gottes Ordnung und Heilsplan zu verzweifeln und trotz alledem nützliche Erkenntnisse aus der Heiligen Schrift zu gewinnen, ist die methodische kontrollierte Anwen-dung eines transzendental hermeneutischen Verfahrens hilfreich. Dieses wird beim Hiob Be-richt durch Elemente der Kommunikationstheorie (Schulz von Thun) und Sozialpsychologie (verstehende Soziologie im Sinne von Max Weber) ergänzt, weil die Kernhandlung aus Dialo-gen besteht. Der Gewinn beispielsweise des Kommunikationsmodells Schulz von Thuns liegt darin, dass es sowohl das Aussprechen wie das Zuhören auf vier Ebenen in unmittelbare Be-ziehung bringt. Diese Ebenen sind
•die Sachebene (Inhalte und Themen);
•die Beziehungsebene (Beziehungsqualität und –richtung);
•die Appellationsebene (Wünsche, Erwartungen, Hoffnungen);
•die Selbstoffenbarungsebene (Befindlichkeit, Ängste, Gefühle);

Die Schwierigkeit bei der Anwendung liegt darin, dass eine zuverlässige Interpretation des gesprochenen Wortes von paraverbalen und kontextuellen Gegebenheiten der Gesprächssi-tuation abhängt, die in real-live-Situationen gegeben sind, bei einer schriftlichen Wiedergabe naturgemäß nicht vorliegen. Allerdings lässt sich eine Reihe von Emotionen wie Freude, Ärger, Trauer oder Ironie auf Grund von Verhaltensbeschreibung und der Reziprozität (gegenseitige Bezugnahme) der Interaktion recht gut identifizieren. Jedoch ist damit noch nicht die jeweilige Bedeutung nonverbaler Zeichen geklärt, weil diese in hohem Maß kultur- und zeitabhängig ist. So wird Trauer zum Ausdruck gebracht, indem sich Menschen Asche aufs Haupt streuen und ihre Kleider zerreißen oder Klageweiber bestellen, die ausdauernd weinen und lamentie-ren oder Kerzen anzünden und still Totenwache halten. Diese Schwierigkeiten können zumin-dest teilweise kompensiert werden, wenn man die Wirkung des Textes auf verschiedene In-terpreten (Exegeten) vergleicht
Übersetzungen sind keine eineindeutige Relation, sondern eine erste Stufe der Interpreta-tion (vgl. Eco, U. 1977). Die Varianz dessen, was verschiedene Übersetzer ´heraushören` gibt mal einen größeren, mal einen kleineren Interpretationsspielraum vor. Der kann dann durch weitere Kontextualisierung eingekreist werden. Wobei die Kontextualisierung schrittweise bis auf das NT ausgeweitet werden kann. Der Einwand, Jesu Wort und Tat seien zur Zeit der Ent-stehung von H dem Autor nicht bekannt gewesen, hat gerade für biblische Texte keine Rele-vanz. Erstens weil das NT ausdrücklich dazu dient, das AT richtiger zu verstehen. Zweitens weil es sich bei der Heiligen Schrift um einen überzeitlichen, a historischen Text handelt. Drittens, und das ist das Hauptproblem jeglichen Verstehens, beeinflusst vor allen die Lesebiografie des Lesers das Verstehen eines Textes. So hat jeder Leser eine Vorstellung von Gott und Gottes Wollen und Wirken, bevor er an den Text herantritt. Zusammenfassend lässt ergibt sich daraus die Empfehlung, den Hiob Bericht als einen zeitgenössischen Text begreifen, der gegen den jeweils gerade herrschenden Zeitgeist gerichtet ist und der einen Freiraum beinhaltet, in dem sich das subjektive Moment des Verstehens durch die von Gott gewährte Inspiration entfalten kann. Auf dieser Grundlage ist jeder gefordert, diesen Freiraum6 zu nutzen und sich den Hiob Bericht selbst zu erschließen
.Beachte: grundsätzlich sind die hier vorgestellte Methoden nicht nur auf Texte, sondern auch auf Alltagssituation anwendbar. Man kann sein eigenes Schicksal, von außen betrachtet, verbalisieren und darüber berichten, es erzählen und schildern. So kann man es als eine Situ-ation auffassen, die einen transzendenten, über sich selbst hinaus- und auf Gott hinweisenden Sinn hat. Alltagssituationen sind der Bibel nicht fremd7. Als verbindliche Ausgangsbasis für den Verstehensprozess ist auch hier vom Kampf Satans gegen Gott, in den jeder Mensch unent-rinnbar einbezogen ist, auszugehen
.Das Verstehen der Heiligen Schrift heute ist erschwert durch zwei Traditionen der Ausle-gung: die dogmatische und die dagegen gerichtet kritische. Dogmen sind normative Glaubens-aussagen, für die keine weitere Begründung als erforderlich angesehen wird. Dogmen können nur geglaubt werden. Man kann sie annehmen oder verwerfen. Unumstößliches wie z.B. >Gott ist ewig< und >Es gibt nur einen wahren Gott< kann nicht erkannt, es kann nur geglaubt wer-den. Aussagen dieser Art, die sich in der Heiligen Schrift finden, taugen als Erkenntnis nur, wenn zuvor die Autorität der Heiligen Schrift bereits anerkannt worden ist. Aus guten Gründen anerkennen kann man diese Autorität, wenn man sich zuvor entschieden hat zu glauben, dass es einen ewigen und wahren Gott gibt, der sich in der Heiligen Schrift den Menschen offen-bart. Wer die Bibel respektive den Hiob Bericht als fiktionale Literatur ansieht, wird sie nicht so verstehen können, wie Gott sie verstanden haben will
.Die kritische Tradition verwirft Dogmen vor allem aus ideologiekritischen und erkenntnis-theoretischen Gründen. Letzteres, weil Dogmen weder auf wissenschaftlichen Erkenntnissen noch auf sozialer Übereinkunft (z.B. herrschaftsfreier Diskurs nach Habermas) beruhen. Dog-men werden als Norm gesetzt und haben erkenntnistheoretisch gesprochen den Status einer Tautologie. Ihnen wird der Anspruch der kritischen Tradition entgegengestellt, durch objekti-vierbare Methoden der Auslegung zu diskursfähigen Glaubensaussagen zu gelangen. Die kri-tische Tradition hat dazu unterschiedliche Wege entwickelt, die hier nicht besprochen werden können (siehe Döbert, M. 2005). Problematisch ist ihr Anspruch, ebenso wie die Dogmatik zu „verallgemeinerungsfähigen Aussagen“ (Döbert, M. 2005:41) kommen zu wollen. Dieser An-spruch ist für Aussagen über Herkunft und materiale Genese eines Textes, für seine sprachkri-tische, historische oder literaturgeschichtliche Einordnungen angemessen. Zu hinterfragen ist allerdings, ob dieser Ansatz geeignet ist, allgemeinverbindliche Glaubensaussagen aus der Hei-ligen Schrift herauszulesen zu können, ohne dass es sich am Ende doch wieder um verkappte Dogmen handelt. Sich auf ein hermeneutisches Verfahren einzulassen, verlangt aber in der Konsequenz den Verzicht auf das Erkennen einer einzigen endgültigen Bedeutung (vgl. Park, S-Ch. 2008)
.Die Tradition der kritischen Exegese versucht vermittels methodischer Reflektion das Ver-stehen zu verobjektivieren. Dies geschieht um die „Hineinlegung der jeweiligen theologischen Vormeinung des Interpreten“ (Oeming, M. 1996:152) zu vermeiden. Abgesehen davon, dass das grundsätzlich nicht möglich ist – kein Mensch ist ein ´unbeschriebenes Blatt`, zumal nicht, wenn man eine theologisch akademische Sozialisation durchlaufen hat – kann es allenfalls das Ziel sein, diese Vormeinung offen zu legen. Des Weiteren ist hervorzuheben, dass die ´kriti-schen` Methoden selbst implizite Grundannahmen treffen, etwa über historische, kulturelle und literarturgeschichtliche Kontexte, von denen behauptet wird, sie seien bei der Exegese zu berücksichtigen
.Insgesamt ist die Methodenvielfalt der Auslegung zu begrüßen, da sie in ihrer Summe wert-volle Hintergrundinformationen für die Interpretation und das Verstehen liefern. Zusammen mit den elektronisch/digitalen Medien profitieren vor allem Laien von diesen ´Vorarbeiten` der akademischen Theologie und Religionswissenschaften. Allerdings wird die Auslegungsar-beit dadurch nicht leichter. Denn die Vielzahl der Möglichkeiten verlangt eine Vielzahl von Entscheidungen; diese wiederum eine Vielzahl von Begründungen, für die eine Vielzahl von Argumenten bereitgestellt und durch eine logische Struktur verbunden werden muss. Das ist im Umfeld der Heiligen Schrift schwierig, da die teils unvollständigen, teils einander wider-sprechenden historische und sprachwissenschaftliche Informationen viel Raum für Vermutun-gen und Spekulation eröffnen
.Mit der ideologiekritischen Kritik wird auch die Frage des Wirklichkeitsbezuges von Offen-barung und aktueller Lebenspraxis aufgeworfen. Dabei werden zwei entgegengesetzte Per-spektiven eingenommen. Einmal wie bei der Marxschen Kritik: Religion sei das Opium des Vol-kes (Marx, K. 1843: Einleitung). In dieser Perspektive sind religiöse Aussagen und Praxis in ih-ren Auswirkungen auf den Alltag Gegenstand der Kritik
.Die zweite Perspektive dreht die Sichtweise um. Sie hebt das ideologiekritische Potential religiöser Aussagen hervor, durch die falsches Denken entlarvt und eine gerechte Lebenswirk-lichkeit begründet werden kann. Etwa am Beispiel der Sünde. In der ersten Perspektive wird der biblische Sündenbegriff benutzt, um Macht und Gewalt über Menschen auszuüben. Durch Predigt, Erziehung und Indoktrination wird Menschen ein übermächtiges Schuldgefühl (´Erb-sünde`) eingeimpft. Gesellschaftliche Ungleichheit, das Elend der eigenen Lage wird dann mit dieser Schuld als gottgewollt gerechtfertigt. Sei es als Strafe, sei es als Opfer mit Aussicht auf Besserung der Lage. Die andere Sichtweise brandmarkt die Lebenswirklichkeit als sündhafte Abweichung. Nicht Arme und Ausgebeutete sind Sünder, sondern diejenige, der keinen ge-rechten Lohn zahlen, Zinsen nehmen und Schulden nicht erlassen und sich auf Kosten der All-gemeinheit bereichern, indem sie die Umwelt ausbeuten, Gewinn privatisieren und Kosten sozialisieren. Es ist klar, dass gerade unter dieser Perspektive der Kampf um die Deutungsho-heit und ein Auslegungsmonopol der Heiligen Schrift an Bedeutung gewinnt. Die dritte Ebene der Ideologiekritik schaut daher auf den Verwendungszusammenhang der jeweiligen Ausle-gungen. So werden religiöse Aussagen als Mittel zum Zweck benutzt. Etwa wenn sich Inter-preten mit gottgegebener Autorität ausstatten. Unter dieser Perspektive werden Dogmen deshalb abgelehnt, weil sie für den Machterhalt eines Auslegungsmonopols und des damit verbundenen institutionellen Missbrauchs eingesetzt werden. So werden im Zusammenhang mit dem Vertuschen von Missbrauch Dogmen über den ´Schutz der Mutter Kirche` oder den ´heiligen Status` des Priesters begründet (vgl. Reisinger, D.; Röhl, Ch (2021). Oder Menschen sollen von der Notwendigkeit eines ´heiligen` Krieges überzeugt werden, um sie für politische Machtinteressen und kriminellen Geschäfte zu missbrauchen
.Da Dogmen ihrerseits keiner Erst- oder Letztbegründungen bedürfen, kann man sie gut zu dem Zweck einsetzen, die dem Menschen gegebene Grenze der Erkenntnis aufzeigen und die prinzipielle Unwissenheit handhabbar machen. Durch den Einsatz von Dogmen können nicht enden wollende Diskurse vermieden werden, die dann doch irgendwann auf eine dogmatische Festlegung hinauslaufen. Positiv gewendet sind Dogmen dann keine unumstößlichen Wahr-heiten, gleichwohl sie wahr sein können. Vielmehr sind sie Ausdruck von Nichtwissen. Im Kon-text freier Willensentscheidung kann man sie als vernünftige Vorurteile betrachten und es ist sinnvoll, sie sparsam einzusetzen
.Als Beispiel sei nochmal das obige Beispiel des Herodes aufgegriffen: dass Gott gerecht ist, geht aus dem biblischen Bericht nicht hervor. Wenn man im Tod der Kinder im Zusammenhang mit Jesu Geburt Gerechtigkeit erkennen will, muss der Glaube an Gottes Gerechtigkeit zuvor schon vorhanden sein. Und zwar nicht, weil es in der Bibel steht oder es ausreichend empiri-sche Belege dafür gibt. Sondern einzig und allein, weil es keinen Sinn macht, eine Vorstel-lung von Gott zu entwickeln, die die Möglichkeit von Ungerechtigkeit, Willkür oder Unzuver-lässigkeit zulässt oder Gott in einen bösen und einen guten Anteil aufspaltet
.Um ein vernünftiges Dogma aufstellen zu können, bedarf es zuvor einer kritischen Aufklä-rung über die zugrunde gelegten Kategorien menschlichen Denkens und menschlicher Vor-stellung. Ein Dogma wie >Gott ist gerecht< kann durch die Heilige Schrift nicht begründet wer-den. Der Ps.116,5 „Gnädig ist der Herr und gerecht. Unser Gott ist barmherzig“ legt zwar nahe, an die Gerechtigkeit Gottes zu glauben. Zumal sich in der Heiligen Schrift nirgends die Aussage findet, Gott sei ungerecht. Anderseits finden sich in der Bibel viele Beispiele, die aus profaner Sicht ungerecht erscheinen. Diese Differenz ist Ausgangspunkt religiöser Erkenntnis; setzt aber Aufklärung über die eigenen Annahmen und Vorstellung von Gerechtigkeit voraus. Auf dieser Grundlage können mögliche Differenzen zur Gerechtigkeit Gottes erkannt werden, die dann den Glaubensinhalt ausmachen
.Elemente profaner Gerechtigkeit sind z.B. Vorstellungen von >Gleichbehandlung<. Jesus öffnet am Beispiel der Entlohnung von Arbeitern den Blick für grundlegende Differenzen zwi-schen profaner Anschauung und der Sichtweise Gottes (Mt.20,1-2)
:1 Denn mit dem Himmelreich ist es wie mit einem Hausherrn, der gleich am frühen Morgen ausging, um Arbeiter für seinen Weinberg in Dienst zu nehmen
.2 Er einigte sich mit den Arbeitern auf einen Tagelohn von einem Denar und schickte sie in seinen Weinberg
.Weiter erzählt Jesus, dass der Besitzer, als der Tag schon bis um die Mittagszeit fortge-schritten war, weitere Arbeiter mit Aussicht auf einen gerechten Lohn eingestellt hat. Als am Abend der Lohn ausgezahlt wurde, erhielten alle den gleichen Betrag. Typisch menschlich er-warteten die, die zur ersten Stunde mit der Arbeit begonnen hatten, sie würden mehr erhal-ten. Aber auch sie erhielten je nur einen Denar. Da beschwerten sie sich mit dem Argument (Mt.20,12ff)
:12 „ …Die Letzten da haben nur eine Stunde gearbeitet, und du hast sie uns gleichge-stellt, die wir die Last des Tages und die Hitze ertragen haben.
“13 Da sagte er einem von ihnen: >Freund, ich tue dir kein Unrecht. Bist du nicht für einen Denar mit mir einig geworden
?14 Nimm, was dein ist, und geh! Ich will dem Letzten ebensoviel geben wie dir
.15 Oder darf ich mit meinem Eigentum nicht machen, was ich will? Bist du etwa nei-disch, wenn ich (zu anderen) gütig bin?


Augenscheinlich scheint der Herr gegen den Gleichheitsgrundsatz „gleicher Lohn für glei-che Arbeit“ zu verstoßen, etwa wenn man die Gleichheit der Arbeit anhand der Menge geern-teter Trauben bemisst. Was wäre dann der Lohn eines Einarmigen oder eines an Rheuma er-krankten Menschen, der sich nur mühsam bewegen kann? Beide müssen sich deutlich mehr anstrengen als die ´Gesunden` und haben trotzdem weniger Trauben geerntet. Oder: der eine muss nur für sich allein, der andere für eine vielköpfige Familie arbeiten. Letztere lebt mit dem Lohn in Wohlstand, der erste bleibt hungrig am Abendbrottisch zurück, nachdem er seinen Verdienst auf seine Familie aufgeteilt hat
.Was ist ein gerechter Lohn
?Solange Lohn in Geld (materielle Güter) bemessen wird, ist er wie jede Form von Verteilung unvermeidlich ungerecht.8 Denn von jeder Interessenslage aus lassen gut Argumente anfüh-ren, warum eine Verteilung nicht gerecht ist. Daher darf die Arbeit im Weinberg und auch der Lohn nicht in einem profanen Sinn verstanden werden. Das Angebot im Weinberg zu arbeiten, entspricht dem Bündnis, welches Gott den Menschen anbietet, um sich in Knechtschaft zu begeben und gewollt an der Schöpfung und dem Heilsplan mitzuwirken, die Welt besser zu machen, das Gelobte Land zu errichten und das Gute (die Frucht) gegen das Böse (Wirken Satans) zu verteidigen. Der Lohn von einem Denar entspricht der Zusage Gottes, dass alle, die ihren Vertrag erfüllen, das Gelobte Land - eine Wohnung im Himmel - auch tatsächlich erhal-ten (Mt.25,34). Daher ist ein Merkmal von Gottes Gerechtigkeit die Vertrags- bzw. Bündnis-streue. (5Mos.7,9)
:9 So erkenne denn, daß der Herr, dein Gott, der wahre Gott, der treue Gott, ist, der den Bund hält und denen, die ihn lieben und seine Gebote halten, Gnade erweist bis ins tausendste Geschlecht
.Gott hält, was er zusagt. Zugesagt hat Gott das ewige Leben, d.h. die Befreiung von den Beschränkungen, Lasten und Mühen des irdischen Lebens. Voraussetzung ist, dass der Mensch den Vertrag eingeht und einhält. Der Zeitpunkt, an dem er sich entscheidet, scheint bei Gott keine Rolle zu spielen. Wohl weil Zeit von Gott in anderen Dimensionen betrachtet wird als vom Menschen. Die weiteren Rahmenbedingungen für ein Bündnis mit Gott finden sich in der Heiligen Schrift. Der Mensch ist frei zu entscheiden, ob er diese Bedingungen akzeptiert oder nicht. Unfrei ist er insofern, als er einer Entscheidung nicht entgehen kann
.Damit Leser wirklich frei an die Heilige Schrift herantreten können, müssen sie sich ihrer Sozialisation und den soziokulturellen und politischen Rahmenbedingungen (Zeitgeist) sowie anderen prägenden biografischen Ereignissen bewusstwerden. Allein die Existenz der ver-schiedenen Religionen, Konfessionen, Kirchen und Sekten sowie die Meinungsvielfallt inner-halb der Glaubensgemeinschaften verlangen, ja erzwingen geradezu, angesichts der histori-schen und der aktuellen Beispiele des Missbrauchs der Religionen9 eine unaufhörliche Ausei-nandersetzung
.Verständlich ist, dass sich Menschen von institutionalisierten Religionen und Kirchen ab-wenden. Weniger verständlich ist, dass sie den Glauben an Gott ganz aufgeben und die Arbeit scheuen, für sich den Glauben an Gott zurückzugewinnen. Wenn man glauben will, lassen sic
h8 Woraus keinesfalls geschlossen werden kann, dass es keinen Sinn macht, um gerechten Lohn zu kämpfen. Vielmehr legt die Bibel nahe, dass Lohn mehr umfasst als nur das zur Auszahlung kommende Entgelt
.9 Wie religiöser und sexueller Missbrauch, Kreuzzüge, Hexenverbrennungen, Inquisition und heiliger Krieg etc
.1
6als Ausgangspunkt einige aus Sicht des Autors vernünftige und leicht zu akzeptierende Glau-bensgrundsätze bzw. Dogmen aufstellen
:
oDie Welt, die Erde und das Leben können aus sich heraus nicht angemessen erklärt werden, weil sie eine Schöpfung des dem Menschen nur partiell erkenn-baren Willen Gottes sind
.Dieser Grundsatz besagt, dass naturwissen- und gesellschaftswissenschaftliche Erkennt-nisse allein nicht zum Ziel führen, die Ordnung Gottes zu verstehen. Damit ist in keiner Weise ein Urteil etwa über die Gültigkeit der Evolutions- oder Urknalltheorie abgegeben. Weitere Apriorien religiöser Vernunft lauten
:
oGott selbst ist kein Geschöpf
.
oDie Schöpfung ist kein singulärer Akt, sondern dauert an
.
oGott liebt die Schöpfung über alles. Das Andauern der Liebe kann man als ´Heilsplan` auffassen
.
oAllein Gott und Jesus sind absolut gerecht. Für den Menschen ist Gerechtigkeit erreichbar, wenn er richtig (den Geist von Recht und Gesetz befolgend) in der Ordnung Gottes zu leben versucht
.
oWer sich nicht an der Ordnung Gottes orientiert, orientiert sich gegen sie. Es gibt keinen dritten Weg
.
oDie der Schöpfung zugrunde liegende Ordnung wird durch Satan bedroht, gleichwohl Satan selbst Teil dieser Schöpfung ist. Das mächtigste Werkzeug Sa-tans ist die Verwirrung in religiösen Fragen. Daher ist es besser nicht zu glauben als etwas Falsches. Besser und richtiger ist, sich stets richtig um Glauben10 (nicht: richtigen Glauben!) zu bemühen. Wer sich nicht bemüht oder angesichts der Schwierigkeiten resigniert, ist bereits den Verführung Satans verfallen. Ge-nauso wie diejenigen, die religiösen Differenzen zur Grundlage einer unver-söhnlichen Haltung machen
.
oUm die Heilige Schrift überhaupt verstehen zu können, muss das Bewusstsein für Satans Verführungsabsichten stets gegenwärtig sein
.
oGott bietet den Menschen ein Bündnis an, um sie vor Satans Einfluss zu schüt-zen und die Bewältigung der Glaubensarbeit zu erleichtern
.
oUm diesem Bündnis beizutreten, muss man weder Mitglied einer Kirche noch einer Religionsgemeinschaft sein. Umgekehrt reichen weder die bloße Mit-gliedschaft in einer Kirche noch die Geburt in eine Religionsgemeinschaft aus, um Mitglied des Bündnisses zu sein. Entscheidend ist der vor Gott explizit be-kundete Beitrittswille, sich in Form von Gebet und Handeln der Ordnung fügen zu wollen
.
oAuch wenn die Heilige Schrift die vollständige Offenbarung dieser Ordnung ent-hält, so ist es ein der Heiligen Schrift inhärentes Schutzprinzip, dass sie von kei-nem Menschen vollständig, endgültig und für anderen verbindlich ausgeleg
t10 >Richtig< bezieht sich auf die Methode oder den Weg, wie z.B. das transzendente Verstehen. Der An-spruch, den einzig wahren Glauben erkennen zu wollen oder gar erkannt zu haben ist überheblich und geht auf eine Verführung durch Satan zurück. Daher beschränkt sich die Bibel eben nicht auf normative Aussagen (Ge-bote etc.), sondern beschreibt überwiegend Problemlagen und Wege ihrer gottgefälligen richtigen und sünd-haften nicht-richtigen Bewältigung
.1
7werden kann
.Der Schutz liegt darin, dass kein Mensch auf der Grundlage von Gottes Wort über einen anderen Menschen herrschen soll. Auch wenn Herr-schaft von Gott gewollt und zugelassen, ja zuweilen auch eingesetzt ist. Die Personalunion von religiöser Autorität und weltlicher Macht11 ist (heute) weder gottgefällig noch richtig, weil so Gottes Wort als kritische Instanz verloren geht
.
oDie Heilige Schrift ist widerspruchsfrei. Werden Aussagen der Heiligen Schrift widersprüchlich erlebt, so zeigen sich darin Grenzen der Erkenntnis. Dies trifft für schriftimmanente wie auch für Widersprüche zwischen verschiedenen Reli-gionen zu. Dass Gott verschiedene Religionen zulässt, ist Ausdruck des Schutz-prinzips und hat wahrscheinlich zudem erkenntnistheoretische oder wenn man will didaktische Gründe
.Ausgehend von diesen Glaubenssätzen lassen sich folgende erste Grundsätze des trans-zendentalen Schriftverstehens formulieren:1
2
oNicht Gott versteht die Menschen, sondern die Menschen sollen Gott verste-hen. Denn Gott ist kein Mensch, Gott denkt und spricht auch nicht wie ein Mensch (Hos.11,9; 1Kor.2,9)
.
oJedes transzendente Verstehen der Bibel geht davon aus, dass Gott der Text-geber ist, gleichwohl Gott sich bei der Realisierung dazu Menschen bedient. Anders als in anderen literarischen Werken der Menschheit erfolgt die Anspra-che Gottes durch die Heilige Schrift als einem zeitlosen, kultur- und von ge-schichtlichen (politischen) Kontexten unabhängig zu verstehenden Text
.
oUm die Heiligen Schrift überhaupt verstehen zu können, muss man die gewon-nen Aussagen auf das alltägliche Leben beziehen, damit aus Kenntnis Erkennt-nis wird. Da das Leben der Menschen über die Zeit und den Raum nicht nur Unterschiede, sondern auch Gemeinsamkeiten (anthropologische Konstanten) aufweist, kann der Einzelne partiell auf Erkenntnisse (traditionelle Überliefe-rung, Ethik, Moral) anderer zurückgreifen
.
oDie Ansprache Gottes durch die Heilige Schrift realisiert sich im Augenblick des Verstehens jeweils neu, wenn man ihre Bedeutung auf das eigene Leben be-zieht
.
oTranszendente Verstehen geht davon aus, dass sich der Mensch bemüht, Got-tes Wort und Walten vom ´Himmel` aus, d.h. vom Ende aller Zeit her (jüngstes Gericht, Ewigkeit) zu betrachten
.
oTranszendentales Verstehen bedeutet, dass sowohl das wört-wörtliche (pro-fane) Verstehen wie auch die psychologisch-symbolische Deutung überwunden werden. Gleichwohl kann eine symbolische Betrachtung das transzendente Verstehen erleichtern
.
oWidersprüchliche Aussagen, die man aus der Heiligen Schrift gewonnen hat, begründen keine Unvereinbarkeit, sondern eine Aufforderung, sich noch tiefer um die Sichtweise Gottes zu bemühen
.11 Siehe dazu 1Sam.8,6 ff und Jesu Wort, dass Jesu Reich nicht von dieser Welt sei
.12 Sie lassen sich zwar nicht deduktiv gewinnen, sollen aber dennoch widerspruchsfrei zu den Glaubeng-rundsätzen stehen
!1
8Für den christlich orientierten Leser stehen heute zahlreichen Bibelausgaben zur Verfü-gung (siehe z.B. Internetseite der Deutschen Bibelgesellschaft). Beim Verstehen der Bibel steht nicht die Vertrauenswürdigkeit einzelner Übersetzungen auf dem Spiel, sondern die Glaubwürdigkeit und Rechtschaffenheit des Lesers als Interpret13. Seine Aufgabe besteht nicht primär darin, Übersetzungsleistungen kritisch zu würdigen. Sein kritisches Bewusstsein sollte sich vielmehr auf seine Muttersprache und die damit verbundenen Momente falscher Ideolo-gie konzentrieren
.Jede Auslegung der Heiligen Schrift ist im ersten Schritt Gebet und intime Zwiesprache mit Gott, im zweiten ein vernünftiges methodisches Vorgehen. Das rechte Verstehen der Heiligen Schrift ist primär keine Frage der richtigen Übersetzung, sondern ist eine originäre Leistung der Leser. Eine richtige Übersetzung ist keine Garantie dafür, dass sie auch richtig verstanden wird. Es ist der Logik von Gottes Offenbarung inhärent, dass inspirierte Leser auch aus ´fehler-haften`14 Übersetzungen die vor Gott richtigen Schlüsse ziehen können. Nach Paulus geht es darum, nicht die Worte über den Geist zu setzen (2Kor.3,4ff)
:4 Solches Vertrauen aber haben wir durch Christum zu Gott
:5 nicht daß wir von uns selbst aus tüchtig sind, etwas zu denken, als aus uns selbst, sondern unsere Tüchtigkeit ist von Gott
,6 der uns auch tüchtig gemacht hat zu Dienern des neuen Bundes, nicht des Buchsta-bens, sondern des Geistes. Denn der Buchstabe tötet, der Geist aber macht lebendig
.Die von Gott geleiteten Autoren der Heiligen Schrift mussten mit den Worten und den stilistischen Mitteln ihrer Zeit Gottes Wort für alle Völker und alle Zeiten verschriftlichen. Wenn auch die Autoren sprachlich an ihre Zeit gebunden waren, so gilt das nicht für die Aus-sagen, die zeitlos gültig sind. Zwar war das Volk Israel der erste Adressat der Offenbarung (AT), dennoch ist dort bereits niedergelegt, dass der Text für alle Zeiten, an allen Orten und in alle Kulturen gelten soll (siehe den Bund zwischen Gott und Noah (1.Mos.9,1ff; Jer.31,27). Diese Sichtweise wird von Jesu bekräftigt, der ausdrücklich auf die Kontinuität des Bündnisses hin-weist (Mt.5,17), das für alle offen ist
.Die Bibel hat für alle Zeiten und alle Menschen die gleiche, nicht aber unbedingt dieselbe Bedeutung. Der Gefahr, die Betonung individueller Kompetenz und Verantwortung beim Ver-stehen der Heiligen Schrift führe zu völliger Beliebigkeit der Interpretation und entwerte die einzigartige Heiligkeit der Texte, kann man eine Reihe von Argumenten entgegenstellen
.Geht man davon aus, dass interessierte Gläubige ihre Verantwortung für das Verstehen abgeben, weil sie sich eine entsprechende Kompetenz absprechen und stattdessen einer be-stimmten Auslegungstradition und einem entsprechenden Verständnis der Heiligen Schrift folgen wollen, so sind sie vor die Aufgabe gestellt, aus dieser Vielzahl der ´Schulen` (Konfessi-onen) eine begründete Auswahl treffen zu müssen. Wird dieser Begründungsversuch ernst-haft und aufrichtig durchgeführt, landet der Leser am Ende unvermeidlich doch wieder bei den Originaltexten und der Aufgaben, sich ein eigenes Verständnis zu erarbeiten
.Des Weiteren stellt sich die Frage, ob die Varianz an Auslegungen noch viel größer werden kann, als sie zu Zeit ist. Zwar entstehen ständig neue Sekten und religiöse (Splitter-) Gruppen; auch innerhalb der traditionellen Konfessionen und Religionen bilden sich immer wieder poin-tiert vorgetragene Abweichungen traditioneller Lehre. Doch solange diese Entwicklung den Boden verbindender Apriorien eines allmächtigen und alleinigen Schöpfergott, der seine Schöpfung liebt und sich ihr gegenüber barmherzig und gerecht erweist, nicht verlassen wird
,13 Dieser Punkt ist bei dem Prolog des Hiobberichts zu beachten
.14 Damit sind bewusste Fälschungen ausgeschlossen
.1
9können heute aufgrund der langen und breiten Auslegungstradition keine wirklich neuen Er-kenntnisse aus der Heiligen Schrift herausgelesen werden. Ein verbleibender Rest an Varianz individueller Deutung ist nicht mehr zu verurteilen als die im Rahmen der Kommentierung vorgenommen Konjekturen, die in ihrer Gesamtheit trotz ausgefeilter Begründung wider-sprüchlich und willkürlich erscheinen. Man kann es drehen und wenden wie man will: am Ende kann die Unbestimmtheit einer Übersetzung und ihrer Deutung, die mit der prinzipiellen Be-grenzung menschlicher Erkenntnisse bezüglich Gottes Ordnung korrespondiert, nur durch gu-ten Willen, Aufrichtigkeit und die Bereitschaft überwunden werden, subjektive Glaubensge-wissheit und objektive Mehrdeutigkeit als gemeinsame Basis wachsender, immer wieder neu zu erarbeitenden Erkenntnis zu ertragen. Auch der Koran stellt gegenüber Thora und Bibel keine wirklich fundamental neue Offenbarung dar, sondern ist als ein Kommentar derselben aufzufassen. Bei der Beurteilung religiöser Differenzen ist unbedingt daran zu denken, dass sie gerne für profane Zwecke missbraucht und deshalb auf die Spitze getrieben werden
.Dem Bedürfnis nach einem einzigen, wahren Text (Übersetzung) und einer endgültig rich-tigen Auslegung ist entgegenzuhalten, dass dadurch dogmatischen, menschenfeindlichen und gottfernen Haltungen Vorschub geleistet wird. Der Mensch ist nicht dazu geschaffen, gottge-fällig mit vollständiger Wahrheit umzugehen (siehe Ursünde im Paradies). Gott und Gottes Wort sind aus guten Gründen dem Menschen ein Rätsel: kein Mensch – außer Jesus – könnte mit der durch dieses Wissen gegebenen Macht verantwortungsvoll umgehen. „Unverständnis als zentrale Kategorie theologischer Hermeneutik“ (Hörisch, J. 1998: 14; zitiert nach Döbert, M. 2005:22) schützt den Menschen vor Allmachtsphantasien und dem Totalitätsanspruch ´un-umstößlicher` Wahrheiten (vgl. dito), wie sie heute noch z.B. im sog. islamischen Staat, in der röm. kath. Kirche oder bei klerikalen Fundamentalisten zu finden sind. Die prinzipielle Unwis-senheit fungiert als von Gott eingerichteten Schutz des Glaubens. Sie bildet die Grundlage der von Jesus geforderten Demut (1Petr.3,8)
:8 Letztendlich aber seid alle eines Sinnes, mitfühlend, reich an Bruderliebe, Erbarmen und Demut
.Eine methodische Reflektion individuellen Verstehens ist aber auch als kritische Instanz gegenüber den ´gesunde Menschenverstand` (siehe unten unter Ideologiekritik) gefordert. In einer ´kranken` Gesellschaft setzt sich ein gesunder Menschenverstand kaum durch. Die von partikularen Interessen und Machtkämpfen beeinflusste herrschende Vernunft und Rationa-lität stellen keine förderliche Rahmenbedingung des Verstehens dar. Biblische Wahrheit ent-steht nicht im Commonsense. Im Gegenteil: zu oft wird die Heilige Schrift missbraucht, um Zustimmung (Affirmation) in anderen Lebensbereichen zu erreichen. Wäre der gesunde Men-schenverstand die tragfähige Instanz, die mit Gottes Willen korrespondiert, wäre die Heilige Schrift überflüssig. Daher verhält sich genau umgekehrt. Der gesunde Menschenverstand muss überwunden werden (Jes.29,13 f; siehe auch 1Kor.2,6)
:13 So spricht der Allmächtige: "Weil dieses Volk sich nur mit seinem Mund mir naht und nur mit seinen Lippen mich ehrt, doch sein Herz von mir fernhält, und seine Furcht vor mir nur angelerntes Menschengebot15 ist
:14 Darum will ich auch fernerhin wunderlich mit diesem Volk verfahren, wunderbar und wundersam. Die Weisheit seiner Weisen soll zuschanden werden, und die Klugheit seiner Klugen soll sich verstecken müssen.
"Der biblische Text als „Stimulans gläubiger Rezeption“ (Körtner, U.H.J. 1994:111 zitiert nach Döbert, M. 2005:167) allein ist nicht hinreichend für inspiriertes Verstehen. Gott sprich
t15 Gesperrte Stellen in Zitaten gehen auf den Autor zurück
.2
0nicht nur über die Bibel zum Menschen, sondern auch durch das Gewissen, durch Einfälle (In-spiration) und durch Zu–Fälle (Ereignisse). Das Gewissen ist ein innerer Kommentar, durch den der Alltag transzendiert wird. Gewissensfragen sind mit der Annahme verbunden, dass es im Leben stets eine bessere und eine schlechtere Alternative gibt. Entscheidungen sind gefordert, auch wenn man die Folgen seines Tuns und Lassens niemals vollständig überblicken und nicht sicher sein kann, ob sie als ´gut` oder ´böse` zu bewerten sind
.Der Zirkel - Lesen–inspiriert werden–mit neuem Geist (Glauben) lesen-erneut inspiriert werden–mit erneuertem/erweitertem Glauben lesen – bleibt ohne Bezug zur Lebenspraxis unvollständig. Nur wer die Schwierigkeiten der Glaubenspraxis am und mit dem eigenen Kör-per erlebt, kann wirklich verstehen, was Gott für den Menschen gedacht hat. Nur wer selbst versucht, z.B. barmherzig zu sein und Nächstenliebe zu praktizieren und die dabei entstehen-den Schwierigkeiten und inneren Konflikte erlebt, kann die Bedeutung der Begriffe richtig er-fassen. Nur wer die inneren Kämpfe um Gut und Böse, um richtig und falsch am eigenen Leib durchmacht, kann Gott bzw. die Heilige Schrift wirklich verstehen. Transzendentales Verste-hen ist keine akademische Übung, sondern ein Weg, um sich einen persönlichen Zugang zum Willen Gottes zu erarbeiten
.3.2. Der Prozess des transzendentalen Verstehen
sAuch wenn Verstehen eine individuelle Leistung und ein subjektiver Prozess ist, folgt dar-aus keineswegs eine beliebige Auslegung. Die diesbezügliche Funktion von Dogmen ist oben bereits beschrieben worden. Zum zweiten lassen sich einige handwerkliche und methodische Regeln angeben, durch die die Beliebigkeit einer Auslegung eingeschränkt wird. Schließlich bildet der Geist der Gesamtschrift (Thora, Bibel, Koran, etc. …) einen Maßstab, an dem jedes Ergebnis gemessen werden kann. Dieser Geist findet sich in konzentrierter Form in den 10 Geboten oder der Bergpredigt. Zwar sind auch diese auslegungsbedürftig. Bezieht man diese beiden Texte aufeinander und beachtet ihre transzendente Bedeutung, so sind sie vom Grund-satz her ziemlich eindeutig. Wer z.B. mit Berufung auf Gottes Wort rechtfertigt, dass anderen Menschen die Lebensgrundlagen entzogen (Ausbeutung) werden darf, der hat die Ordnung Gottes nicht verstanden. „Du sollst nicht töten“ (2Mos.20,13) ist eindeutig und zweifelsfrei zu verstehen. Besonders frevelhaft ist es, wenn religiöse Gründe (Andersgläubige) angeführt werden, um gegen dieses Gebot zu verstoßen. Weder Kreuzzüge oder Hexenverbrennung noch der sog. heilige Krieg des islamischen Staates sind vor Gott zu rechtfertigen
.Schwieriger dagegen ist die Frage, ob es im Einzelfall Gottes Wille sein kann, einen bösar-tigen Tyrannen/Diktator - etwa Hitler oder Stalin - zu töten
.>Tot< oder >lebendig< sind aus Sicht Gottes keine physiologischen Kategorien. Führen Menschen ein frevelhaftes Leben sind „sie lebendig tot“ (1Tim.5,6; siehe ähnlich Mt.8,22 bzw. Lk.9,60; siehe auch unten im Zusammenhang mit dem Thema Trauer). Da Tyrannen und Verbrecher gegen die Menschlichkeit aus Gottes Sicht bereits gestorben sind, fallen sie aus transzendenter Sicht nicht unter das 5. Gebot. Sie sind im biblischen Sinne Menschen, die bes-ser nicht geboren wären (Mk.14,21, Mt.26,4), sie sind „Gefäße des Zornes“ (Röm.9,22). Zwar ist Töten allein Gott vorbehalten, aber der Mensch kann als Werkzeug Gottes berufen sein
.Fragen der aktiven und passiven Sterbehilfe sowie des Selbstmordes lassen sich mit Blick auf das 5, Gebot ebenso nicht einfach beantworten. Ohne Zweifel ist das 5.Gebot so auszule-gen, dass es dem Gebot der Barmherzigkeit und Nächstenliebe nicht widerspricht. Jedenfalls kann man dem Hiob Bericht entnehmen, dass Gott es Hiob nicht als Sünde angerechnet hat, dass er sich in seiner Verzweiflung den Tod gewünscht hat. Allerding von Gottes Hand
.2
1Bedenkt man, dass im irdischen Alltag der Mensch ein Werkzeug Gottes ist, so kann der Gläu-bige die Frage nach Sterbehilfe nicht einfach mit dem Hinweis auf die wörtliche Bedeutung des 5. Gebotes von sich weisen. Es ist davon auszugehen, dass Gott im Einzelfall die richtige Idee entstehen lässt. In diesem Sinne kann man z.B. eine Ethikkommission ebenfalls als Werk-zeug Gottes betrachten
.Die eigentlich aktuelle Relevanz des 5. Gebots ist heute vor allem in Hinblick auf das wirt-schaftliche Handeln, die Ausbeutung von Mensch und Natur zu betrachten. In diesem Sinne gibt es eine Unzahl von Mördern und es ist angebracht, große Teile der Weltwirtschaft als ein mörderisches System zu bewerten und vielen Protagonisten auch in der Politik einen Verstoß gegen das 5. Gebot vorzuhalten
.Eine praktische Hilfe, um der transzendenten Bedeutung der Bibel näher zu kommen ist, besteht darin, zwei oder drei verschiedene Bibelausgaben nebeneinander zu benutzt. Was heute mithilfe des Internets und der vielfältigen Verlagskultur leicht zu bewerkstelligen ist. Gerade bei schwierigen Stellen helfen unterschiedliche Übersetzungen, den gemeinsamen Sinn zu erschließen. Es empfiehlt sich den Bibeltext mit eigenen Worten zu paraphrasieren und dann wieder auf den Ausgangstext zu beziehen. Als Beispiel für das Vorgehen sei folgende Stelle aus dem Hiob Bericht (H22) angeführt
:15 Willst du des Pfades der Vorzeit ziehen, den einst gingen die Männer des Frevels
,16 die hinweggerafft wurden schon vor der Zeit, denen zum Gießbach der Boden zer-floß
?17 Die zu Gott sprachen: >Geh weg von uns!< - >Was könnte der Allmächtige uns antun!
<18 Zwar hat er mit Gütern ihre Häuser gefüllt, doch fern bleibt ihm der Gottlosen Denkart! (Schö
)In den vorausgegangenen Versen wirft Elifas (einer der Freunde, die Hiob beistehen) Hiob einen sündhaften Lebenswandel vor und unterstellt ihm, er sei der Ansicht, Gott sehen die (seine) Sünden auf Erden nicht. „…Pfad(es) der Vorzeit ziehen“ bezieht auf das Verhalten der immer wieder abfällig gewordenen Israeliten während des Exodus. „…schon vor der Zeit“ meint daher nicht, dass sie zu früh im Sinne von ´jung an Jahren` gestorben sind, sondern bevor sie das eigentliche Ziel der Wüstenwanderung, das Gelobte Land erreicht haben (4Mos.14,23; 32,11). Schwieriger zu verstehen ist 16b: „…denen zum Gießbach der Boden zer-floß?“ In einer alternativen Übersetzung (ELB) heißt es
:15 Willst du den Pfad der Vorzeit einhalten, welchen die Frevler betraten
,16 die weggerafft wurden vor der Zeit? Wie ein Strom zerfloß ihr fester Grund
;17 die zu Gott sprachen: Weiche von uns! Und was könnte der Allmächtige für uns tun
?18 Und doch hatte er ihre Häuser mit Wohlstand erfüllt. -Aber der Rat der Gesetzlo-sen sei fern von mir!
-Die Unterschiede sind augenfällig. Bei Schöningh wird Vers 16 komplett zu 15 gezogen und endet mit einer rhetorischen Frage. In der Elberfelder Übersetzung fungiert 16b als Erläute-rung des Subjekts in 17a. Das ist allerdings das gleiche – die Abfälligen – wie in 15
.Luther zieht in seiner Übersetzung noch mehr Teile zusammen
:15 Willst du der Welt Lauf achten, darinnen die Ungerechten gegangen sind
,16 die vergangen sind, ehe denn es Zeit war, und das Wasser hat ihren Grund weg-gewaschen
,2
217 die zu GOtt sprachen: Heb dich von uns, was sollte der Allmächtige ihnen tun kön-nen
,18 so er doch ihr Haus mit Gütern füllete? Aber der Gottlosen Rat sei ferne von mir
!Der gemeinsame Sinn ist nun erkennbar: Als rhetorische Frage, die die vorangegangenen gegen Hiob gerichteten Unterstellung bekräftigen, drückt Elifas aus
:a
)die Geschichte lehrt, dass es Menschen mit einem unrechten (sündigen) Lebenswandel gab (Vers 15)
;b
)die ´zu früh` gestorben sind (16a), d.h. ihr von Gott gesetztes Lebensziel nicht erreichen wollten
,c
)weil sie den Glauben an Gottes Ordnung als feste Basis (Grund) aufgegeben haben (16b)
,d
)was sich darin äußert, dass sie sich von Gott abwenden und Gott keine Macht über ihr Leben einräumten (17a)
,e
)weil sie glauben, dass Gott weder einen positiven (Lohn, Nutzen) (18a) noch einen ne-gativen (Strafe) Einfluss auf ihr Schicksal habe (17b)
.Schwierig bleib 18 b). Bei Schöningh ist der Bezug von „ihm“ das Subjekt 18a: „er“. Dieses bezieht sich wiederum auf Gott in Vers 17. Demnach bezieht sich „ihm“ auf Gott. Der Sinne wäre: Auch wenn Gott den Frevlern Wohlstand gewährt, heißt das nicht, dass Gott ihre Den-kungsart (Lebenswandel) teilt und sie das ewige Leben erlangen werden. D.h. an „Häuser mit Wohlstand“ kann man keinesfalls die Gültigkeit des TEZ festmachen. In den anderen Überset-zungen gerät Elifas zum Subjekt. Dadurch verschiebt sich Bedeutung im Sinne einer Bekräfti-gung, dass er, Elifas, diese Denkungsart der Frevler, nämlich das Gott für die Menschen nichts Nützliches tun könne nicht teile
.Welche Interpretation von Vers 18b im Detail richtig ist, muss offen bleiben. Zu klären bleibt, ob mit Bezug auf die jeweilige Fragestellung des Lesers diese Differenz bedeutsam ist. Sie ist es dann, wenn allgemeinverbindliche Aussagen über das Sosein Gottes (wie sich Ge-rechtigkeit Gottes im Alltag niederschlägt) oder das Seinsollen des Menschen aus dem Text generiert werden. In diesem Fall müssten entsprechende Interpretationen mit dem Gesamt-kontext der Heiligen Schrift in eine widerspruchsfreie Beziehung gebracht werde
nGeht es um die Beurteilung der Rolle und des Denkens von Hiob bzw. seiner Freunde, um die Charakterisierung ihrer Persönlichkeit oder die ihres Hilfehandelns, so ist die Stellung als Subjekt von Elifas in Vers 18b Elifas bedeutsam. Diese Stelle wäre dann als kommunikatives Handeln zwischen Hiob und Elifas zu betrachten. Ihre Bedeutung ließe sich z.B. mit dem Kom-munikationsansatz von Schulz von Thun (Schulz von Thun, F.; Zach, K.; Zoller, K. 2017) erschlie-ßen16. Auf der Sachebene grenzt sich Elifas von Hiob ab (allerdings durch eine falsche Unter-stellung); auf der Selbstoffenbarungsebene bringt Elifas sein Wissen um die Geschichte und seine Frömmigkeit zum Ausdruck, die in diese Tradition eingebunden ist; auf der Beziehungs-ebene könnte man hören: ´siehe ich bin frommer als du` oder (im erweiterten Kontext mit der Rede Hiobs) ´im Unterschied zu dir stehe ich auf dem Boden der religiösen Tradition`; auf der Appellationsebene ist damit die Aufforderung an Hiob verbunden, sich zu besinnen und ein Beispiel an ihm – Elifas – zu nehmen
.16 Dem Autor ist durchaus klar, dass streng genommen Information über paraverbales Verhalten erforder-lich ist, um diesen Ansatz korrekt durchführen zu können. Dennoch scheint dieser Ansatz geeignet, solche Stel-len zu erhellen. Denn so wie der Leser Sachaussagen mit eigenen Worten paraphrasiert, um sich des Verstan-denen zu vergewissern, so kann er sich auch in die Kommunikationssituation einfühlen und diese nacherleben. Letztlich kommt es nicht auf eine Wahrheit an, sondern auf die Nachvollziehbarkeit (Objektivität) des Ver-standenen
.2
3Versteht der Leser den Text als (s)einen individuellen Zugang zu Gottes Wort, kann er ob der Interpretationsmöglichkeiten gelassen bleiben. Will er z.B. bezogen auf das Thema >TEZ< Klarheit gewinnen, so bietet der Gesamtkontext des Hiob Berichts ausreichende Information, um diese Stelle richtig einzuordnen (siehe den weiteren Verlauf der Diskussion in diesem Buch). Erhofft er sich praktische Anweisungen für die freundschaftliche Begleitung von schick-salsbetroffenen Menschen, bietet diese Stelle Anlass, den eigenen Kommunikationsstil zu überdenken
.Außer verschiedenen Textquellen können spirituellen Hilfen eingesetzt werden, um sich ein individuelles Verständnis zu erarbeiten. Spirituellen Hilfen zielen die auf die Offenheit und Empfänglichkeit für den Heiligen Geist und bestehen aus Gebet und Meditation. Sie machen sich als Inspiration (z.B. plötzlicher Einfall), Traum (als Ausdruck des Unterbewusstseins) oder allmählichen Einstellungswandel bemerkbar. Womit aber noch nicht alle Erscheinungsformen benannt sind, die möglich sind. Spirituelle Techniken sollten komplementär zu den nachfol-gend beschriebenen Methoden eingesetzt werden
.Ausgangspunk des methodisch geleiteten Verstehens ist zunächst das alltagsweltliche Ver-stehen
.1
.Wortkenntnis: lexikalisches Verstehen. Der Leser muss über ein Wort als Teil seines Wortschatzes verfügen
.Als Beispiel sollen die Begriffe >Lohn< und >Strafe< dienen, da sie eine zentrale Rolle beim Verständnis von Schicksalsschlägen, Gerechtigkeit und dem TEZ spielen (ausführlich siehe dazu Kapitel 4.2). Beachte: >Lohn< und >Strafe< unterliegen in hohem Maße einem subjekti-ven Urteil sowie einer starken und unheilsamen Reifizierungsneigung (siehe Kapitel3.3)
.Zu >Lohn< und >Strafe< gibt es jeweils ein weites Wortfeld: Vergütung, Honorar, Dank, Belohnung, Ernte, Gegenleistung, Entschädigung …; Urteil bzw. Verurteilung, Vergeltung, Denkzettel, Rache, Zorn, Züchtigung, Abrechnung, … . Zum hebräischen Wortfeld der Begriffe siehe Wissenschaftliches Bibellexikon im Internet (WiBeLex)
.2
.Wortkenntnis: Begreifen. Wort werde als Begriffe eingesetzt. Begriffe tragen die Be-deutung (Denkeinheit, Konzept, Konstrukt) und lösen Emotionen und Vorstellung aus, die wiederum auf die Bedeutungszuschreibung zurückwirkt. Um die Bedeutung eines Begriffs zu verstehen, ist es erforderlich, sich die dahinter liegenden Vorstellungen, Konzepte oder Phänomene ins Bewusstsein zu rufen. Der Leser muss das Feld mögli-cher Bedeutung eines Begriffs kennen, um darauf aufbauend den gemeinten Sinn (die nächsten Stufen) zu rekonstruieren
.Das Wort >Schlange< z.B. kann drei Bedeutungen haben: als Kategorie für eine bestimmte Tierart (echsenartiges Kriechtier ohne Extremität und das besonders gut getarnt sich lautlos bewegt); als ein Konzept des Wartens oder der Reihung (Warteschlange, Schlange stehen). Im biblischen Kontext steht das Wort noch für Satan bzw. ´Verführer zum Bösen`, von wo aus es auch auf Menschen übertragen wird (falsche Schlange), der durch Arglist (unmerklich) und Lügen die Menschen täuscht und kaum zu durchschauen ist (aalglatt). Mit dieser letzten Be-deutung hängt die negativ konnotiert von ´Schlange` zusammen. Die jeweils aktuell gemeinte Bedeutung eines Begriffs ergibt sich aus dem Kontext (siehe nächsten Schritt), in dem ein Wort gestellt ist
.2
4>Lohn< und >Strafe< schildern ein Konzept, in dem soziales Handeln (Interaktion) zweier Parteien bewertend aufeinander (Abrechnung) bezogen wird. Bewertet werden Nutzen/Scha-den (Handlungsfolgen) und die zugrundliegende Intention des Handels. Während aus der In-tention ein Schuldverhältnis entstehen kann, resultiert aus den Folgen eine Haftung
.Ausgangspunkt ist zunächst das ursprüngliche Verhalten eines Urhebers, das zwei Bedin-gungen erfüllt: es muss freiwillig mit einer bestimmten Intention erfolgen; d.h. der Urheber hatte wenigstens eine Handlungsalternative zur Verfügung gehabt. Zweitens muss das Verhal-ten das Interesse eines andern (Betroffenen) berühren, der danach Nutzen/Schaden des Ver-haltens bewertet. Betroffenen können sein: die Natur17, Menschen (auch der ursprünglich Handelnde selbst) oder Gott. Bei Menschen und bei Gott kann das Interesse zuvor ausdrück-lich, etwa durch einen Vertrag, bekundet werden. Nutzen/Schaden werden danach bewertet, inwieweit sie den Interessen ent- bzw. widersprechen
.Die Betroffenen reagieren nun ihrerseits angesichts des Nutzens/Schadens auf den Urhe-ber, indem sie (ebenfalls) Nutzen/Schaden (Gegenleistung) stiften, also in einem bestimmten Maße, etwa entsprechend einer Verabredung, dessen Interesse bedienen oder verletzen. Diese Gegenleistung wird vom Urheber als Lohn oder Strafe und als gerecht oder ungerecht 18 bewertet. Aufgrund dieser Zusammenhänge wird insbesondere auch >Lohn< als Synonym für >Strafe< (negativer Lohn) gebraucht. >Anerkennung< bzw. >Denkzettel< beschreiben mehr die symbolische Ebene des positiven/negativen Lohne und bringen eine pädagogische Inten-tion im Sinne von positiver und negativer Verstärkung zum Ausdruck
.3
.Kontextualisierung(I) Satzebene: Aus den möglichen Bedeutungen eines Begriffs muss die tatsächliche gemeinte herausgearbeitet werden. Die erste Klärung erfolgt auf Satz-ebene (Beziehung zu den anderen Satzgliedern), gegebenenfalls unter Einbeziehung eines vorhergehenden oder nachfolgenden Satzes bzw. Satzteils
.Im folgenden Beispiel wird die Bedeutung von Schlange durch den Satz selbst geliefert „Und gestürzt wurde der große Drache - die alte Schlange, genannt Teufel und Satan -, der die ganze Welt verführt.“ (Offb.12, 9). Beachtenswert ist, dass hier „der große Drache“ quasi als Synonym von Schlange eingeführt wird, genauso wie Teufel als Synonym für Satan. Die Kennt-nis solcher eindeutigen Stellen hilft dann bei der Interpretation weniger eindeutiger Stellen. Etwa wenn aus dem Leben des Propheten Daniel erzählt wird (Dan.14,23ff), dass die Babylo-nier, bei denen Daniel in Gefangenschaft geraten war, einen „großen Drachen … als lebendi-gen Gott“ verehrten (Dan.14,23ff). Auch die nächste Szene, in der Daniel den Drachen mit einem Kuchen aus Pech, Fett und Haare fütterte, um ich zu töten, erzeugt oberflächlich be-trachtet das Bild eines Tieres. Als Daniel, nachdem der Drache an dem Kuchen zerplatzt war, ausrief: „Seht, wen ihr verehrt!" wird der Bezug zu Satan deutlich
.Im nächsten Beispiel ergibt sich zunächst eine eindeutige Bedeutung von >Schlange< als Tier (Apg.28,3): „Paulus raffte ein Bündel Reisig zusammen und legte es auf das Feuer. Da fuhr infolge der Hitze eine Schlange heraus und biß sich an seiner Hand fest“ Hier ist durch das Verb „biß“ Schlange als das Tier gemeint. Auch im nächsten Satz wird die Bedeutung als Tier beibe-halten: „Sobald die Eingeborenen das Tier an seiner Hand hängen sahen, sagten sie zueinan-der: >Der Mensch da ist gewiß ein Mörder! Er ist zwar dem Meer entronnen, aber die Rache-göttin will ihn nicht am Leben lassen<" (Apg.28,3). Allerdings wird das Tier nun zum Träger einer symbolischen Bedeutung (siehe 4. Stufe). Diese wird noch erhöht, als der als Bestätigung der symbolischen Bedeutung erwartete Todeskampf ausblieb und die Eingeborenen nac
h17 Die Natur hat insofern ein Eigeninteresse, als sie lebendig und das Leben auf eine zu schützende Ökolo-gie angewiesen ist
.18 Siehe dazu weiter Kapitel 3.3
.2
5langem Warten zu dem Schluss kommen, es müssen sich dann bei Paulus um einen Gott han-deln. Insgesamt wird so, auch wenn das Wort Satan nicht fällt, die Schlange zum Gegenspieler von Paulus und damit die Szene insgesamt zu einem Symbol des Sieges Gottes über den Tod bzw. Satan (transzendente Bedeutung). Möglich ist diese Interpretation durch eine erweiterte Kontextualisierung (siehe nächster Schritt ´Ebene der gesamten Erzählung`) und den Bezug auf die oben aufgestellten Prämissen, dass die Heilige Schrift vor dem Hintergrund des Kamp-fes Satans gegen Gott gelesen werden muss
.Der Gebrauch von >Lohn< und >Strafe< ist in der Bibel weitgehend eindeutig, wie im fol-genden Satz beschrieben „Seht euch vor, daß ihr nicht verliert, was ihr erarbeitet habt, sondern den vollen Lohn empfangt“ (2Joh.1,8). Beachtenswert ist, dass hier die Früchte der Arbeit („was ihr erarbeitet habt“) vom „vollen Lohn“ unterschieden werden, was auf eine transzen-dente Bedeutung von >Lohn< verweist. Ähnlich: „Wenn ihr betet, macht es nicht wie die Heuchler! Die beten am liebsten in den Synagogen und an den Straßenecken, um den Men-schen in die Augen zu fallen. Wahrlich, ich sage euch: Sie haben schon ihren Lohn“ (Mt.6,5). Der erste Lohn ist die profane Anerkennung durch die Menschen. Dieser wird zum Schaden, weil der ´zweite` Lohn, die Anerkennung vor Gott (transzendentale Bedeutung) dadurch auf-gehoben wird. Ähnlich: „Hütet euch, eure Gerechtigkeit vor den Menschen zur Schau zu stellen; sonst habt ihr keinen Lohn von eurem Vater im Himmel zu erwarten. (Mt.6,1). Deutlich wird, dass im Gerechtigkeitskalkül Gottes die Intention eines Verhaltens ein größeres Gewicht hat als die Folgen
.Die Eindeutigkeit des Begriffs >Strafe< (negativer Lohn) darf nicht darüber hinwegtäu-schen, dass damit keineswegs eine eindeutige Geltung des TEZ gegeben ist, wie es bei der Kreuzigung Jesu und den beiden anderen Gekreuzigten zu Ausdruck kommt (Lk.23, 39-41)
:39 Einer von den gekreuzigten Missetätern lästerte ihn [Jesus am Kreuz] mit den Wor-ten: "Bist du nicht der Messias? Dann hilf dir selbst und uns.
"40 Der andere aber verwies es ihm und sagte: "Hast denn auch du keine Furcht vor Gott, obwohl du doch die gleiche Strafe erleidest
?41 Wir zwar mit Recht, denn wir empfangen, was unseren Taten entspricht; dieser aber hat nichts Unrechtes getan.
"Ein deutlicheres Beispiel für die gleichzeitige Gültigkeit (Straftäter) und Nicht-Gültigkeit des TEZ (Jesu` Leiden) als in dieser Szene kann man sich kaum vorstellen. Beachte auch: Jesus selbst hat seinen Kreuzestod an keiner Stelle als Ungerechtigkeit Gottes bezeichnet, auch wenn Gott den Tod ´gewünscht` hat. Ungerecht waren einzig und allein die Menschen, die seinen Tod gefordert haben. Sie bleiben auch vor Gott ungerecht, obwohl sie Gottes Wollen befördert haben, von dem sie aber nichts wissen konnten. Im Gegenteil, die Gesetze schreiben vor, dass kein Unschuldiger getötet werden darf
.4
.Kontextualisierung (II) – Ebene der gesamten Erzählung: Ein Satz ist in den Gesamt-korpus des Textes eingebettet. Auf der II. Stufe der Kontextualisierung erschließt sich die Bedeutung eines Begriffs aus dem Gesamtkontextes (Rahmenhandlung eines Tex-tes, Logik der Handlung). Die Bedeutung eines Begriffs erschließt sich aus Erzählanlass und –absicht, Verweise auf andere Erzählungen etc.). Beachte: Aus der Kontextualisie-rung ergeben sich auch Hinweise darauf, ob ein Begriff in seiner konventionellen pro-fanen, in einer symbolischen oder in einer transzendenten Weise verstanden werden soll, wobei mehrere Bedeutungsebenen gleichzeitig möglich sind. Wenn Jesus zu de
n2
6Jüngern sprich
t: „Seht, ich sende euch wie Schafe mitten unter Wölfe; seid darum listig wie die Schlangen und arglos wie die Tauben!“ (Mt.10,16), bedeutet dies, dass sich die Jünger auf eine feindliche Umwelt einstellen sollen; nicht naiv, sondern besonnen, um-sichtig, nicht blind vertrauensselig mit dem Menschen umgehen und sich Satans Ein-fluss vergegenwärtigen sollen (um ihn zu durchschauen). Zugleich sollen sich aber nicht durch die Beherzigung entsprechender Prinzipien dazu verführen lassen, es Satan gleich zu tun, sondern einen liebevollen und friedfertigen Umgang mit den Menschen pflegen
.Wie schon auf der ersten Stufe der Kontextualisierung angedeutet, können Lohn/Strafe in der Heiligen Schrift nicht immer aus ein einem einfach kalkulierbaren linearen Zusammenhang zwischen auslösender Tat und den daraus resultierenden Konsequenzen Gottes heraus ver-standen werden. Das macht Jesus deutlich, indem er immer wieder betont, dass der Sinn eines Gesetzes nicht im wörtlichen Befolgen liegt, sondern in der Umsetzung des Geistes, der aus ihm spricht. Prägnantes Beispiel ist der Umgang mit dem Sabbatgebot (siehe Mt.12,1 ff; MK3,2ff)
.Nicht selten gehen dem Lohn Mühen, Anstrengungen und Leiden voraus (Hebr.10,32-35)
:32 Gedenkt der früheren Tage, in denen ihr nach eurer Erleuchtung so manchen Lei-denskampf bestanden habt
.33 Ihr wurdet Beschimpfungen und Drangsalen preisgegeben oder wart Leidensge-nossen derer, die davon betroffen waren
.34 Mit den Gefangenen habt ihr gelitten und den Raub eurer Güter freudig ertragen, da euch bewußt war, etwas Besseres und Bleibendes zu besitzen
.35 So werft denn eure Zuversicht nicht weg; sie bringt reichen Lohn
!Strafen können leicht oder schwer sein: „Was glaubt ihr, eine wieviel schwerere Strafe der verdient, der den Sohn Gottes mit Füßen tritt, das Blut des Bundes, durch das er geheiligt wor-den ist, geringschätzt und den Geist der Gnade schmäht?“ (Hebr.10,29). Es sind nicht einzelne Taten, die aufgewogen werden. Die Strafwürdigkeit aus Sicht Gottes resultiert in erster Linie aus der zugrunde liegenden Einsicht in die Ordnung Gottes: „Denn wenn wir nach Erkenntnis der Wahrheit vorsätzlich sündigen, gibt es für die Sünden kein Opfer mehr, sondern die schreck-liche Erwartung des Gerichts und der Feuersglut, die die Widerspenstigen verzehren wird.“ (Hebr.10,26-27). Diese Sünde wider den Heiligen Geist (Mt.12,1; Mk.3,29) umfasst nicht ein-zelne Taten, sondern hebt ab auf die Intention und die Einstellung, die tatübergreifend dem Tun und Lassen zugrunde liegen. Deshalb kann der Sünder durch ein nachgeschobenes ´nütz-liches` Tun (Opfer) die Bilanz nicht ändern, weil sich dadurch seine Gesinnung nicht ändert
.Ein Beispiel von paradigmatischer Bedeutung für das Verstehen des Zusammenhangs von Lohn und Strafe bei Gott ist die Ablehnung von Kains Opfer (1Mos.4). Der vordergründige Blick auf den zeitlichen Verlauf suggeriert einen kausalen Zusammenhang zwischen ´zuerst Ableh-nung des Opfers durch Gott` und daraus resultierend Zorn, Frustration und Gefühl der unge-rechten Behandlung bei Kain und abschließend die Bestrafung durch Gott
.Gegen einen gerechten Gott könnte man einwenden, dass die Ablehnung des Opfers un-gerecht war, weil dafür kein Grund zu erkennen war. Dieses Argument beruht aber auf einem profanen, an die menschliche Existenz gebundenes Verständnis von Zeit und Kausalität. Dass ist bei Gott nicht gegeben. Schon zum Zeitpunkt des Opfers weiß Gott, dass Kain niederer Ge-sinnung und auf seinen Bruder eifersüchtig ist. So ist die Ablehnung des Opfers durch Got
t2
7keine ungerechte Behandlung, sondern eine vorsorgliche Ermahnung: „>Warum bist du zornig und schaust so düster vor dich hin? Ist es nicht so: Wenn du recht handelst, darfst du auch den Blick frei erheben, doch handelst du unrecht, lauert die Sünde, deren Verlangen auf dich ge-richtet ist, vor der Tür? - Du aber sollst über sie herrschen! <“ (1Mos.4,6). Dass Gott mit seinem Urteil richtig liegt, zeigt sich darin, dass Kain verstockt bleibt und sich zum Mord an seinem Bruder hinreißen lässt, obwohl ihm Gott zuvor seine Beweggründe erläutert hat. Kain mordet wider besseres Wissen seinen Bruder, was die Schwere der Strafe erklärt
.Um Gottes Gerechtigkeit zu verstehen, muss man versuchen, sich vom menschlichen Zeit-erleben und den damit verbundenen Kausalitätsvorstellung von Vorher – Nachher zu lösen. Dem menschlichen Erkenntnisvermögen bleibt nichts anderes, als begrenzte Zeiträume zu verarbeiten und diese etwa als ´Situationen` zusammenzufassen. Bei Gott fällt diese lineare und begrenzte Sichtweise weg. Vorstellungen denen der beschränkte menschliche Horizont raum-zeitlichen Erlebens und Denkens19 zugrunde liegt, werden Gott nicht gerecht. Der Mensch kann nur in beschränkten Modellen von vorher und nachher, von Ursache und Wir-kung denkt. Dass diese bei Gott nicht gelten bringt der Apostel Matthäus zu Ausdruck, wenn er über das Beten sagt: „Macht es nicht wie sie [die Heiden]! Euer Vater weiß ja, was ihr braucht, ehe ihr ihn bittet“ (Mt.6,8)
.Zwar hat die moderne Soziologie mit Max Weber (vgl. Weber, M. 2005) einen Schritt getan, diese Begrenztheit des Sprechens über Zusammenhänge zu überwinden. Weber stellt dem Denken in Ursache - Wirkung (Kausalität) das Denken in Gründen – Folgen (aktual-zweckrati-onales und begründbares Verhalten) gegenüber. Gründe sind immer dann anzunehmen, wenn es um soziales Handeln geht. Also wenn nicht nur die Frage ´warum`, sondern auch die Frage ´wozu` in das Verstehen einer Handlung einfließen sollen. Zwar lassen sich natürliche Ereig-nisse wie beispielsweise ein Vulkanausbruch oder Erdbeben so nicht erklären. Durch die Frage ´wozu` kann man dennoch eine sinnhafte, auf Gott bezogene Deutung gewinnen, wenn man auf den Handlungsspielraum schaut, der sich aus dem Erdbeben ergibt. ´Warum` und ´Wozu` markieren im menschlichen Denken zwei entgegengesetzte Zeitperspektiven, die aber bei Gott in eins fallen. Daher ist bezogen auf Gott die Frage ´Wozu` gleichwertig mit der Frage ´Warum`. Beide Fragen sind geeignet, sich dem Willen Gottes zu nähern
.5
.Symbolisches Verstehen: Durch die symbolische Interpretation wird das wort-wörtli-chen Verstehen eines Textes überwunden. Als Symbole fungieren Gegenstände, Sach-verhalte oder Ereignisse, die als Zeichen für eine übertragene, d.h. für eine über die gewöhnliche hinausweisende Bedeutung angesehen werden. So ist ein Ring (= Zeichen für einen Kreis) dann ein Symbol, wenn damit die Vorstellung einer Ganzheit, innige und unverbrüchliche Zusammengehörigkeit oder Einheit verbunden wird. Eine ´runde Sache` meint Stimmigkeit; ein ´Kreis schließt sich` beinhaltet die Vorstellung eines ab-geschlossenen Prozesses und sinnhaften Ganzen. Bezogen auf die Beziehung zwischen Menschen (Ehering) wird mit dem Ring die komplementäre Einheit von Frau und Mann, Freund und Freund symbolisiert. So erhält Hiob, am Ende seines Leidens, als er geheilt vom Aussatz in die in den Kreis seiner Familie und Freunde zurückkehrt, von ihnen u.a. goldene Ringe zum Zeichen ihrer Verbundenheit
.19 Dass die moderne Physik/Mathematik diese Beschränkungen in ihren Modellen und Theorien aufheben kann, ist zunächst ein Beweis dafür, dass es diese Grenze gibt. Ob man mit diesen Modellen Gott näherkommt, hängt vom transzendentalen Verständnis dieser Grenzüberschreitung ab und nicht von ihrem Erklärungswert. Wenn quantenphysikalische Modell z.B. den Gedanken unterstützen, dass Zeit kein kontinuierlicher gerichteter ´Strom` ist, der gleichmäßig nur in eine Richtung ´fließt`, dann kann das im Einzelfall ein tieferes Verständnis für den Begriff Ewigkeit und dessen transzendentale Bedeutung unterstützen vgl. Grün, A.; Grün, M.2015)
.2
8Symbolisches Verstehen beruht darauf, Gegenstände, Sachverhalte oder Ereignisse als Bild aufzufassen, das neben dem offensichtlichen einen weiteren darin oder dahinter verborgen Inhalt übermittelt. Mit „verborgen“ sind nicht geheime Nachrichten gemeint, sondern der Umstand, dass durch Symbole komplexe und weitreichende Zusammenhänge mit wenigen Worten bzw. Bildelementen fokussiert dargestellt werden können
.So deuten manche Exegeten die Sintflut symbolisch als eine Taufe, durch die eine Reini-gung der Erde von Sündern erfolgt und Grundlagen für neues Leben bzw. ein neues Bündnis zwischen Gott und den Menschen ´gelegt werden. Gott selbst verwendet Zeichen in einem symbolischen Sinne: „>Dies soll das Zeichen des Bundes sein, den ich zwischen mir und euch und allen Lebewesen, die bei euch sind, für ewige Zeit schließe: Ich stelle meinen Bogen in die Wolken. Er soll das Bundeszeichen zwischen mir und der Erde sein<“ (1Mos.9,12-13). „Bogen“ kann einmal eine Kriegswaffe bedeuten, die Gott ablegt oder beiseitegestellt hat (in die Wol-ken, damit jeder das sieht) und die sein Wort bekräftig, zukünftig keine derartig Vernichtung wie die Sintflut über die Erde zu bringen. Manche deuten „Bogen“ als Regenbogen und Zei-chen der Hoffnung (nach schlechtem Wetter kommt auch wieder gutes). Der bunte Regenbo-gen symbolisiert Glanz und Schönheit der Zukunft, die sich am Horizont der Menschheit auf-tut, wenn sie sich mit Gott versöhnt. An anderen Stellen steht der Regenbogen als Symbol für die Pracht und Herrlichkeit Gottes selbst (Ez.1,28) oder des Himmels (Offb.4,3; 10,1). „Bogen“ kann aber auch als halber Ringe verstanden werden, der mit der sichtbaren Hälfte (Erde) auf eine unsichtbare, die transzendente Hälfte („zwischen mir“) verweist. Eine symbolische Be-trachtung eröffnet den Weg zu einer transzendentalen Bedeutung (siehe nächstes Kapitel). Gleichwohl die symbolische die transzendentale Betrachtung erleichtert, besteht die Gefahr einer Verwechselung. Während die symbolische Interpretation vom menschlich-säkularen Standpunkt ausgeht (Psychologie, Kunst, Kultur und Bildung), versucht die transzendenten al-les aus Sicht Gottes zu erfassen
.Strafen/Lohn in der Heiligen Schrift haben neben einer materiellen (Nutzen/Schaden) im-mer auch eine symbolische und eine oft damit zusammenhängende psychologisch-pädagogi-sche Seite, aus der sich die transzendente Bedeutung ergibt, wie im folgenden Beispiel (Tob.4,8-10)
:8 Sei barmherzig, soviel du es vermagst
!9 Hast du viel, gib reichlich! Hast du wenig, such auch das Wenige gern zu geben
!10 So sammelst du dir einen herrlichen Lohn für den Tag der Not
.„Tag der Not“ meint nicht einen Mangel an materiellen Lebensgrundlagen, sondern den Tag des Jüngsten Gerichts. Die ´Not` besteht darin, vor dem Gericht Gottes ein gottgefälliges Leben zu belegen. Denn weiter heißt es (Tob.4,11-12)
:11 Das Almosen errettet von Sünden aller Art und vom Tod und läßt die Seele nicht in die Finsternis hinabsteigen
.12 Große Sicherheit vor dem höchsten Gott gibt das Almosen allen, die es spenden
.„…und vom Tod“ in Vers 11 unterstreicht, dass mit Tod nicht >Ableben< gemeint ist. Denn auch barmherzige und großzügige Wohltäter müssen sterben. Gemeint ist vielmehr Ferne von Gott (Abstieg der Seele). Bleibt die Frage offen, was mit „Große Sicherheit vor dem höchsten Gott…“ gemeint ist? Da ein ursächlicher Zusammenhang zwischen Tun (Lebensführung) und Urteil Gottes für den Menschen nicht herzustellen ist, bietet barmherziges Tun ein Gerechtig-keitskalkül, bei dem der Mensch keinen Fehler vor Gott machen kann
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93.3. Reifikation und transzendentales Verstehe
nPraktisch beginnt der Prozess des transzendentalen Verstehens mit dem hermeneutischen Zirkel, ergänzt durch weitere Methoden kommunikativer Validierung20. Dazu gehört vor allem das bewusste Arbeiten gegen Reifikation und die ideologische Kontamination von Begriffen. Beide Phänomene hängen eng zusammen und lassen sich nicht eindeutig unterscheiden
.Unter Reifikation versteht man die Neigung, die durch Sprache erzeugten Vorstellungen über abstrakte Sachverhalte dinglich oder konkretistisch aufzufassen. Ins besonders human- und geisteswissenschaftliche Begriffe unterliegen der Gefahr einer Verdinglichung. Bedenkt man z.B. den Begriff >Zorn<, so ist er mit der Vorstellung einer starken, unkontrollierten, an-lassbezogenen Emotion und einem aggressiven, gegen Sachen oder Personen gerichtete Han-deln verbunden. Es besteht die Vorstellung, dass Zorn wie eine eigene psychische Kraft (Trieb-modell) die Person überwältigt und die Grenzen ihrer Selbstbeherrschung durchbricht. In die-sem Sinne neigt die Psychologie dazu, dem Zorn eine positive Rolle bei der Psychohygiene (Entlastung von Triebstau und Vermeidung von Autoaggression) zuzuschreiben. Wut und Zorn unterscheiden sich insofern, dass Wut weniger anlassbezogen und punktuell zum Ausdruck kommt, sondern eher eine Gestimmtheit (erhöhte Bereitschaft zum Zorn, aufgestaute Wut) zum Ausdruck bringt
.Auslösende Momente von Zorn sind erlebte Ungerechtigkeit, Hilflosigkeit, Ohnmacht und Kränkung. Verletzt sich beispielsweise jemand bei der Arbeit und schlägt sich mit dem Ham-mer auf einen Finger, so treten Schmerzen auf. Der eine ´begnügt` sich mit der Schmerzreak-tion. Ein anderer wirft zornig der Hammer durch die Gegend, weil er über den Schmerz hinaus es für ´ungerecht` und/oder mit seinem Selbstbild als geschickter Handwerker für nicht ver-einbar hält, dass es ihn (er sich) getroffen hat. Eine dritte Erklärung würde in Betracht ziehen, dass der Zornige bereits zuvor ein bestimmtes Maß an frustrierenden Erlebnissen hatte, mög-licherweise die Arbeit selbst frustrierend ist und sich sein Unmut so aufgestaut hat, dass mit dem Schmerz das Fass zum Überlaufen gekommen ist. Oft ist Zorn mit Rache (Vergeltung) verbunden, wodurch der Zorn besänftigt (das Gefäß entleert) wird und die Verbindung von Zorn mit einem subjektiven Gerechtigkeitskalkül verbunden ist. Zorn ist also nicht nur ein rein emotionales, sondern in hohem Maß auch ein rational-kognitives Phänomen (siehe 4.1)
.Die transzendentale Deutung von Zorn – Zorn Gottes – geht davon aus, dass diese Bestim-mungsstücke nicht auf Gott anwendbar sind. Dem Zorn Gottes liegt kein frustrierendes, Got-tes Bedürfnisse missachtendes Erleben menschlicher Handlungen zugrunde, sondern ein ob-jektives Urteil über die vom Menschen herbeigeführte Beziehung zu Gott. Diese beinhaltet auch die Beziehung der Menschen untereinander. Behandeln sich diese Geschöpfe unterei-nander ungerecht, so auch zugleich Gott
.Beachte: das menschliche Bild von Zorn impliziert ein jeweils aktuelles Urteil fällenden und handelnden Gottes. Diese Bild ist aber vom Ursprung her irreführend. Gott handelt nicht re-aktiv aktuell. Gott sitzt nicht irgendwo hoch über den Wolken und wartet darauf, dass etwas passiert, worauf er dann ad hoc reagiert. Sondern es geht um die innere Logik der Ordnung Gottes, wonach der Mensch die Folgen seines Handelns selbst zu spüren bekommt und sofern sie gegen die Gottes Ordnung verstoßen auch darunter leidet. >Zorn< beschreibt daher ledig-lich die besondere Qualität der negativen Folgen entsprechend dem besonderen Ausmaß des zugrundeliegenden Frevels oder Verstoßes. Bei der Verwendung gerade auch alltäglic
h20 >ergänzt< ist nicht allein im Sinne von zusätzlich gemeint. Die nachfolgenden Methoden können teils komplementär, teils integrativ in den Auslegungsprozess eingebunden werden. Mit >kommunikativer Validie-rung< ist das Prinzip des Nachfragens gemeint. Jeder Exeget kann sich mithilfe wissenschaftlicher Methoden und der Zwiesprache mit Gott (Gebet) vergewissern, ob er Gott richtig verstanden hat. Wie der Hiob Bericht zeigt, kann es dauern, bis Gott ´deutlich` antwortet. Der Weg dahin kann durchaus anstrengend und leidvoll sein. Am Ende aber ist eine Antwort gewiss
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0erscheinender Begriffe ist auf die Reifizierungstendenz zu achten, um ein falsches Gottes- und Weltbild zu vermeiden
.Die ideologische Konnotation von Begriffen beruht nicht wie bei der Reifizierung auf fal-sche verdinglichte – bildliche Vorstellung von Begriffen, sondern auf die implizite Verschleie-rung und Verdrehung von Sachverhalten. Sie resultiert aus der Vergesellschaftung oder besser der Vereinnahmung des Einzelnen durch den Spracherwerb, vermittels dessen der jeweilige Zeitgeist Einzug in das vorbewusste Bewusstsein erhält. Was der Mensch denkt und welche Weltvorstellung (Ideologie) er entwickelt, hängt von den ethnischen, religiösen, ökonomi-schen, wissenschaftlichen, politischen und weiteren sozio-kulturellen Bedingungen seiner So-zialisation, in der das Erlernen der Sprache eine entscheidende Rolle spielt. Der Zeitgeist er-scheint dem einzelnen wie eine quasi-natürliche Gegebenheit. Tatsächlich aber wird er von Menschen selbst produziert und reproduziert, ohne dass der ideologische Gehalt im Sprach-bewusstsein gegenwärtig ist. Klassisches Beispiel hierfür sind die Begriffe >Arbeitgeber< und >Arbeitnehmer<. Da ´Geben` seliger denn ´Nehmen` ist steht der Arbeitgeber (AG) a priori ´besser` dar. Im Verhältnis zwischen beiden steht er an erster Stelle. Weshalb sich Politiker bis heute durch Arbeitgeber erpressbarer zeigen als durch die Masse der Arbeitnehmer (AN). Tat-sächlich aber gibt der AG keine Arbeit, sondern er nimmt die Arbeit der AN und vermarktet sie nach seinen Interessen. Der AN gibt seine Arbeit und ist in dem Sinne der eigentliche AG. An diesem Beispiel soll deutlich werden, dass bereits auf der Ebene der Begriffe Wertvorstel-lungen und Weltbilder transportiert und auf eine subtile Weise entsprechende implizite Be-deutungen vermittelt werden, die das Verstehen der Bibel auch in der Muttersprache er-schweren. Um Gottes Wort gerecht zu werden, muss man sich also darüber im Klaren werden, welchen ideologischen Verfremdungen die Gedanken und das Sprachverständnis unterliegen und wie sich diese beim Verstehen biblischer Texte niederschlagen
.Das transzendentale Verstehen verlangt mehr als nur das Überwinden des wort-wörtliche, symbolischen und unreflektierten Verstehens. Paulus bringt den Anspruch der Transzendenz zum Ausdruck, wenn er der ´Rede im Menschlichen` die geistige Rede gegenüberstellt (vgl. Röm.3,5; Röm.6,19; Phlm.16. i.V. m. Röm.7, 14;1Kor.2, 14). Weitere Hinweise auf die Notwen-digkeit transzendentaler Methodik des Verstehens finden sich in Jes.55.8: „Denn meine Ge-danken sind nicht eure Gedanken, und eure Wege sind nicht meine Wege, spricht Jahwe“ (siehe auch Röm.12, 1; 1Kor.2,4ff). Zusammenfassend lässt sich der Prozess transzendentalen Ver-stehens in folgenden Schritten beschrieben: Durchlaufen des hermeneutischen Zirkels und Vermeidung von Reifizierung, vor allem auf den Stufen 1-3. Die Stufe 5, symbolische Deutung ist nicht obligatorisch. Die transzendentale Bedeutung verlangt neben dem methodischen Vorgehen eine entsprechende mentale Vorbereitung und die Intuition durch den Heiligen Geist. Intuition ist eine Gabe Gottes, die u.a. durch die Beherzigung der oben genannten Glau-bens- und Verstehensvoraussetzungen geschult und zur Geltung gebracht werden kann. Dass es in Bezug auf das Wort Gottes eine vom säkularen Verstehen verschiedene Art des trans-zendentalen Verstehens gibt, stellt Jesus im Johannes Evangelium heraus (Joh.3,12+31)
:12 Wenn ich euch das Irdische gesagt habe, und ihr glaubet nicht, wie werdet ihr glauben, wenn ich euch das Himmlische sage
?…
.31 Wer von oben kommt, steht über allen; wer von der Erde stammt, ist irdisch und redet irdisch. Wer vom Himmel kommt, steht über allen