Otto Inhester
„… und glaube mir, es ist ein halsstarriges Volk* - über die ideologischen Grundlagen des vielfältigen Missbrauchs in der röm. kath. Kirche.
Eine Untersuchung aus christlicher Sicht.
* 2Mos.32,9
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1 Themen, Absicht und Vorgehen
„Man kann jetzt viel über die Bedeutung des Amtes in der Kirche diskutieren, aber was wirklich gefährlich ist, ist dieses ständische Denken, was noch so aus der Vergangenheit so kolportiert wird: Wir sind was anderes, wesensmäßig, unauslöschliches Prägemal, also dieser ganze Zauber, dem man sich auch nicht entziehen kann. Also so diese Weihezeremonien, das macht schon was mit einem. Da wundert’s mich dann nicht, wenn einige tatsächlich glauben, die sind jetzt was anderes und was Besseres. Und das hab ich in den letzten Jahren dann schon gemerkt, dass das ein ganz wesentlicher Teil dafür ist für das, was bei diesem Missbrauchsskandal passiert ist; dass wir Leute anziehen, die aus welchen Gründen auch immer unreif sind, und für die es total wichtig ist, dieses Amt zu haben, weil dadurch kriegen sie plötzlich etwas, was sie sonst nirgendwo kriegen würden. Und das führt dann dazu, dass wir Priester haben, die manchmal in ihren Gemeinden so ihr Unwesen treiben und sich da machtvoll aufspielen und sonst was so.“ Dill, H. et al. 2023: 273
Wie es scheint, führt die weltweite Aufarbeitung von sexuellem Missbrauch, Gewalt und andere Missbrauchsformen dazu, dass „dieser ganze Zauber“ der rkK., an Faszination verliert und sich die Beziehung der Gläubigen zur Amtskirche ändern. Vielfach findet dies seinen Ausdruck im formellen Austritt. Andere engagieren sich für Reformen, nicht selten Hand in Hand mit christlichen Priestern. Auch wenn dieses Buch zu dem Ergebnis kommt, dass substanzielle Reformen der rkK. nicht wahrscheinlich sind, ist der entsprechende Versuch sicher der richtigere[1] (≠ besser) Weg, als das ´Kinde mit dem Bade` auszuschütten und den Glauben an den liebenden und barmherzigen Gott und Jesus ganz aufzugeben. Das Kind im Bade ist der Leser; Wasser kann man erneuern, wenn man sich ehrlich und eigenständig auf den Weg macht, den Glauben vom Ballast der Lügen und Verirrungen kath. Sozialisation zu reinigen. Die hier vorgestellt ideologiekritische Analyse ist eine Hilfe. Vor Gott spielt die Mitgliedschaft in einer bestimmten Kirche keine Rolle. Entscheidend sind die Gründe, warum die/der diesen und andere einen anderen Weg suchen. Unverzeihlich vor Gott sind Gleichgültigkeit und gedankenlose Übernahme eines fremden Urteils ohne eigenes Besinnen.
Der letzte systematische Vorstoß, die ideologische Grundlagen der Kirche konstruktiv zu wenden, ist von der Befreiungstheologie ausgegangen. Hier sei auf das Werk von Jon Sobrino und das Buch „Kirche: Charisma und Macht“ von Leonardo Boff verwiesen (dass ihm ein zeitweiliges Lehr- und Redeverbot und in fundamentaler Opposition zu Ratzinger / Papst Benedikt brachte). Dort geht es im zweiten Teil um die historischen Bedingung der Entwicklung des Katholizismus und die Entstehung einer ´Pathologien` der Kirche (das Katholizistische – eine entartete Form des Katholischen; Boff, L. 1985:156). Basis seiner Untersuchung, die hier geteilt wird, ist die Klarstellung, „dass es Ideologie ist, etwas geschichtlich Gewordenes als natürlich und etwas Menschliches als göttlich darzustellen“ (Boff, L.1985:135). Diese Ideologie ist ein wesentlicher Zug der Pathologie, wobei >Pathologie< selbst ideologisch ist und voraussetzt, es können eine ´gesunde` rkK. geben. Zweitens verharmlosend, weil es um die Sünden wider den Heiligen Geist (Lk.12,10) geht, die nicht einfach als Pathologie angesehen werden können.
Boff stellt heraus, dass Glauben im Kontext rk. Kirchenideologie im Wesentlichen ein Glaube an die Vollmacht und Potenz der Kirche in ihrem Vermittleramt ist. „So wird die Institution der Kirche in einer Weise absolut gesetzt, daß sie dazu neigt, an die Stelle Jesu Christi zu treten oder sich auf eine Eben mit ihm zu stellen. … [sie] wird eine selbständige Größe, genügt sich selbst und drängt sich allen in unterdrückerischer Weise auf.“ (Boff, L.1985:156 f). Es dominiert das gelehrte Wort, vorwiegend in der Auslegung von Dogmen und Kirchenrecht; nicht die tätige Nachfolge. Dazu werden die Laien angeleitet, während der Klerus über den Status quo von Lehre und Machtverteilung wacht. Letzteres bezieht auch die profane Staatsmacht ein (sofern diese nicht explizit gegen die Kirche vorgeht). Die Pathologisierung der Kirche setzt bereits im frühen Christentum ein. Boff verweist auf ihre affirmative Auseinandersetzung mit dem röm. Kaiserreich bzw. -tum (siehe besonders Eusebius, Kapitel 5).
Das Ausmaß frevelhaften Verhaltens, dessen sich die rkK. seit ihrer Entstehung im Windschatten römischer Kaiser schuldig gemacht hat, ist in quantitativer wie qualitativer Hinsicht kaum zu fassen. Selbst die 10 bändige „Kriminalgeschichte des Christentums“ Karl Heinz Deschner (Deschner. K. 1986ff) erfasst das volle Ausmaß nicht, weil er sich im Wesentlichen auf verifizierbare – öffentlich gewordenen - historische Tatbestände beschränkt. Allerdings gibt auch er deutliche Hinweise auf die ideologischen Hintergründe. Dieser geistige Missbrauch bildet die eigentliche Voraussetzung für alle anderen Missbrauchsformen. Einen ersten Eindruck, wie sich die 2000-jähige Arbeit am theologisch-dogmatischen und kirchenrechtlichen Überbau in den Missbrauchssituationen niederschlägt, vermitteln Berichte der Überlebenden[2] (Unterstreichungen O.I.):
„Individuelle Täterverantwortung ist nicht von den systemischen Ursachen zu trennen. Theologische Denkmuster ermöglichen den Missbrauch ebenso wie organisationale und institutionelle Strukturen“ (Halsbeck, B. „Erzählen ist Widerstand“ in Halsbeck, B. (Hg). et al. 2020:15);
Missbrauch ist nicht nur individuelles Handeln der Täter, sondern eingebettet und wohl behütet in Ideologie und organisiertem Handeln;
· „Es spielten ebenso theologische Faktoren eine Rolle, ins besonders eine gewisse moralische Immunität der Oberin durch ihr Verständnis als Stellvertreterin Christi“ (Franziska Roth. in Halsbeck, B.et al.2020:160)
Der theologisch-ideologische Überbau bestimmt maßgeblich das Verhalten kirchlicher Akteure:
· „Doch die Bischöfe nahmen mein Leiden in Kauf, um ihre Reputation nicht auf Spiel zu setzen.“ (Karin Weißenfels in Halsbeck, B.et al.2020:183)
und hat zugleich einen erheblichen Einfluss auf das Erleben der Leiden der Überlebende:
· „Ich muss heraus aus dieser Ideologie die Glaube und Gott missbraucht, um sich selbst Macht über Menschen zu verschaffen“(die Betroffene A.A. in Halsbeck, B.et al.2020:40).
indem sie durch die Ideologie der rkK. in der Ambivalenz von Glauben wollen und kirchlichen Missbrauch gefangen halten werden:
· Missbräuchliche System beuten nicht nur aus und unterdrücken, sie nähren auch und ermöglichen das Überleben. Es ist, als ob man aus einer vergifteten Quelle trinkt: Das Wasser reicht zum Überleben, aber es löscht den Durst nicht und macht auch nicht gesund ….So weiß ich heute mehr denn je, das Gott treu ist. Ich weiß aber auch, dass er mit jedem und jeder einen ganz eigenen Weg geht und dass Gott niemand in eine Methode zwängt (Thea Kleinert in Halsbeck, B.et al.2020:115)
Die Befreiung aus dieser Gefangenschaft ist für die meisten Überlebenden[3] zusätzlich dadurch erschwert, dass es Kirchenmänner seit zweitausend Jahren verstanden haben, einen Nimbus aufzubauen, der auch das familiäre und nähere soziale Umfeld (die Gemeinde) in seinen Bann zieht und dazu führt, dass lieber dem Schein des priesterlichen Charisma geglaubt wird, als dem sichtbaren, oft klinisch relevanten Leiden und Nöten der Überlebende.
Ohne die konkrete strafrechtliche und tatsächliche Schuld einzelner Kleriker und kirchlicher Funktionsträger ausblenden zu wollen, aber auch um dem guten Willen, dem ehrlichen und frommen Bemühen vieler Priester und geistlicher Laien gerecht zu werden, verfolgt dieses Buch das Ziel, die ideologischen Ursprünge und Mechanismen des geistlichen Missbrauchs aufzudecken. Es soll deutlich gemacht werden, dass es sich nicht nur um Einzelfälle in der Kriminalgeschichte der rkK. handelt. Was seit ca. 20 Jahren nach und nach zutage tritt, hat es in der Kirche schon immer gegeben. Und noch schlimmeres:
· Mord und Todschlag gegenüber sogenannten Häretikern und Ketzer prägen die Kirchengeschichte seit dem Tod Jesu;
· seit der Zeit, als Christen unter dem röm. Kaiser Konstatin von der Rolle der Verfolgten in die Rolle der Verfolger gewechselt sind, werden Mord und Todschlag bedenkenlos als Mittel der Mission und zur ´Wahrung der Einheit der Kirche` eingesetzt. Nicht nur in mittelalterlichen Kreuzzügen, sondern bis weit in die Neuzeit als ideologische Wegbegleiter (Mission) des Imperialismus;
· Mord und Totschlag gelten als approbierte Mittel im Kampf um weltliche Macht, gegen oder mit Königen und Kaisern;
· Mord und Totschlag waren geheiligte Mittel der Inquisition um das Volk einschüchtern und ausbeuten zu können;
· Mord und Totschlag werden bis heute als gerechtfertigt angesehen, um die politische Ordnung im Kampf gegen Revolution und Kommunismus zu verteidigen;
· Mord und Totschlag werden hingenommen, wenn sie den wirtschaftlichen Interessen des Vatikans dienlich sind.
Es geht darum, die frevelhaften Praktiken und die begünstigende institutionellen Rahmenbedingungen mit ihren theologisch-dogmatische-kirchenrechtliche Rechtfertigung in Verbindung zu bringen, um das ungeheure Ausmaß kirchlich organisierten Frevels sichtbar zu machen. Nicht zu leugnen ist, dass sich darüber eine Patina guter Werke und gerechter Überlieferung des Wort Gottes befindet. Die Werke werden aber in der Masse von Laien, Seelsorgern und Priestern getragen, die sich faktisch (innerlich, nicht formell) von der Amtskirche entfernen und eher am Rande der Amtskirche ihre Werke verrichten. Der geistliche Abstand einer Mutter Theresa zur Kurie ist größer als der von Luther zum Papst. Die gerechte Überlieferung findet heute eher durch akademische Theologen statt, die vom Wächteramt in Rom wenig bis gar nicht gelitten werden.
Ein erstes Ziel dieses Buches ist es, einen Beitrag zu leisten, trotz Missbrauchsskandal durch die Kirche nicht den Glauben an Gott und Jesus zu verlieren; ihn ggf. zurückzugewinnen, wenn möglich zu vertiefen und, wie es ja oft nach Krisen der Fall ist, gestärkt aus der Auseinandersetzung hervorzugehen. Dazu schlägt der Autor einen transparenten Weg vor, eine eigene, fundierte Perspektive auf die Heilige Schrift und die Kirchengeschichte zu finden. Die hier angestrebte grundsätzliche – theologische und ekklesiologische – Diskussion kann Überlebenden helfen, den eklatanten Widerspruch zwischen ihrem Glauben und dem priesterlichen Nimbus der Täter sowie dem moralischen Versagen der Kirche auch auf der religiösen Ebene zu bewältigen.
Wie aus Untersuchungen über die Bewältigungsstrategien von Überlebenden hervor geht (vgl. Fernau, S. 2019) führt der Missbrauch in vielen Fällen nicht zu einer Trennung von der Kirche. Ob dies für die Überlebenden gut und heilsam ist oder nicht, hängt von den Gründen ab. Nicht heilsam sind familiär-kirchlich induziert Ängste, sei es vor der angeblichen (Mit)Schuld an der Sünde, sei es wegen der sozialen Konsequenzen in der Gemeinde bzw. der Kirche. Angst vor der Kirche oder der Gemeinde können überwunden werden, wenn man sich das Sündhafte der Täter und der Täterorganisation vor Augen hält und man die Solidarität und Hilfe ebenfalls Betroffener sucht.
Deutlich ist hervorzuheben, dass die gleichen pseudoreligiösen und seelsorgerischen Mechanismen, die bei der Anbahnung (Grooming) der Taten eine Rolle spielen, auch die Bewältigungsarbeit der Überlebenden beeinflussen und ggf. behindern. Wenn bspw. ein Betroffener sich selbst als mit einem „Kainsmal“ stigmatisiert beschriebt (siehe Fallbeispiel in Fernau, S. 2019:247), dann wird deutlich, dass Betroffene psychologische und theologische Unterstützung in Anspruch nehmen können müssen, die die ekklesiologischen und religiösen Aspekte des Missbrauch aufarbeiten. Nur so kann der Glaube als psychologische Ressource bei der Bewältigung fruchtbar werden und mehr bewirken, als vermittels nachträglicher Sinnverleihung die durch Missbrauchserfahrungen ausgelösten Gefühle von Hilflosigkeit und Ohnmacht zu kompensieren (vgl. Fernau, S. 2019:256). Die Rekonstruktion relevanter Glaubenselemente als heilsame Orientierung anstatt als toxische Dogmen und die Abwehr des dysfunktionalen Einflusses kath. Glaubensvorstellungen und konfessionellen Zugehörigkeiten (vgl. Fernau, S. 2019:257) sind eine Grundvoraussetzung, um den Fortbestand verzerrter Selbstwahrnehmung und Einschätzung der Tat zu vermeiden und die ausgelösten Affekte zu bearbeiten (vgl. dito 2019:253). Dringend ist der Unterschied zwischen heilsamer Botschaft der Offenbarung und ihrer missbräuchlichen Verfälschung durch die rkK. in Angriff zu nehmen. Diese Fragen, die eng mit dem vermeintlichen Anspruch auf Gehorsam und dem Charisma von Priestern zusammenhängen, sind ein wichtiger Schritt, Selbstbestimmung als durch den Glauben legitimierte Ressource zu entwickeln. Die dabei zu behandelnden Themen betreffen Glaubensfragen, die über die hinausgehen, die im Zusammenhang mit der Täter- und Organisationsperspektive gestellt werden: Ist das Erlebte Gottes Wille (Determinismus)? Wenn ja – wozu soll es gut sein? Ist das Handeln der Kirche gottgefällig hinzunehmen? Gibt es eine Pflicht zum Gehorsam gegenüber der Kirche? Was ist Sünde? Ist der Mensch von Grund auf sündig und schlecht? Braucht es unabdingbar einen Priester, um mit Gott ins Reine zu kommen? Gibt es eine Pflicht zur Vergebung? Wie kann ich unabhängig von der Autorität der Kirche feststellen, dass ich ein guter und frommer Mensch bin? Kann ich unabhängig von der Kirche Teil der Gemeinschaft der Glaubenden sein?[4]
Da die empirische – historische, strafrechtliche und sozialwissenschaftliche Aufklärung des Missbrauchs weitgehend öffentlich (wenn auch schleppend) erfolgt und dank der Neuen Medien für den Interessierten gut verfolgt werden kann[5], konzentriert sich hier die Analyse auf die geistes- und ideengeschichtliche Hintergründe der Ursachen und Rechtfertigungen. Es geht darum die ideologischen Grundlagen des Gottes-, Kirchen- und Menschenbildes und den daraus abgeleiteten Begründungen des Verhaltens der rkK herauszuarbeiten. Vorweg sein zugegeben, dass dies nur in einem bescheidenen Umfang gelungen ist und am Ende mehr unerledigte Aufgaben als Ergebnisse zurückbleiben.
Die Frage einer persönlichen Schuld dieses oder jenes Priesters oder Kirchenvertreters soll hier weder im rechtlichen noch im moralischen Sinne diskutiert werden. Strafrechtliche Tatbestände, Arroganz (der Macht), unmoralisches Handeln und offensichtliche Lügen müssen aber thematisiert werden (siehe dazu Morsbacher, P. 2020). Wortreiche Entschuldigungen durfen nicht als Übernahme von Verantwortung durchgehen. Nicht zu übersehen ist ein System der Verantwortungsdiffusion, da alle Zusagen und Zugeständnis zu Reformen als Ausdruck einer tatsächlichen Reue (den Wille zur Umkehr!) letztlich einem päpstlichen Vorbehalt unterliegen. Offen tritt zu Tage, dass sich die Kirche aus ideologischen Gründen gar nicht ändern will, weil sie es nicht einmal wollen kann. Die von der rkK. propagierte Freiheit des katholischen Glaubens erweist sich hier als ausbruchssicheres Gefängnis mit dicken papierenen Mauern, hinter denen die Gefängniswärter selbst gefangen sind. Was sie keineswegs entschuldigt. Im Gegenteil. Angesichts ihrer Ausbildung, ihrer privilegierten Stellung und Freistellung von profanen Verpflichtungen müssen sie sich fragen lassen, warum sie keine wirksameren Beiträge in Wort und Tat leisten, um der Ordnung Gottes und der Nachfolge Jesu gerecht zu werden.
Die Rekonstruktion der ideologischen Grundlagen der rkK. hilft besser zu verstehen, Missbrauch und den Umgang damit nicht nur auf einzelne Personen zurückzuführen. Die rkK ist insgesamt (institutionell, vgl. Mertens, K Vorwort in Wagner, D.2019) als Nährboden anzusehen, auf dem schon immer Missbrauch – sexueller, körperlicher, religiöser und wirtschaftlicher – betrieben worden ist. Das Selbstverständnis der rkK und ihre Rechtfertigungsstrategien vermittels selbstreferenzieller Argumente haben in 2000 Jahren einen gut gedüngten Acker erschaffen, in dem neben wenig Weizen massenhaft Unkraut wächst (vgl. Mt.13,30).
Das skizzierte Vorhaben wird in drei Schritten bearbeitet: Im ersten geht es um die Grundlagen. Was ist Ideologie? Wie zeigt sie sich und wie unterscheidet sich vom Glauben? Was ist Ideologiekritik? Warum ist sie notwendig? Und wie wird sie betrieben. (Kapitel 2 und 3).
Im zweiten Schritt geht es um die exemplarische Anwendung von Ideologiekritik. Diese setzt ein bei der naturrechtlichen Begründung von Moral und der von Theologen der Denkungsart Ratzingers beschworenen Gefahr des Relativismus. Sie wird dann anhand einiger zentralen Dogmen wie sie im Katechismus niedergelegt sind, weitergeführt und endet mit einem Blick in die frühe Kirchengeschichte (Kapitel 4-5) und der Ideologie der Nachfolge und des Priesteramtes.
Der Gewinn für den Leser besteht im Idealfall darin, den Glauben (zurück) zu gewinnen und zu stärken, indem er das ideologiekritische Potential des Evangeliums und im Kontrast dazu die frevelhaften Anteile rk. Lehre erkennt. Die Komplexität der Zusammenhänge und ihre Historie sowie die Fokussierung auf ideologische Versatzstücke führen zu folgende Themenkomplexen:
· ideologischen Grundlagen des Selbstverständnisse der rkK. und ihrer vertiefte Darstellung anhand der Themen
§ Unterscheidung Glaube und Ideologie;
§ Freiheit und Gewissen
§ ´naturrechtliche` Begründung theologischer Aussagen
§ Ideologie der Erbsünde und Sünde;
§ Ehe und Sexualmoral
§ Überhöhung des Priesteramtes / Klerikalismus
· Widerlegung der Kontinuitäts- bzw. Sukzessionshypothese, auf deren Grundlage die Kirche ihre Privilegien und ´Alleinstellungsmerkmale` rechtfertigt;
· Enttarnung ihrer Immunisierungsstrategie gegen Einsicht in Fehler, Frevel und Verbrechen;
· Zurückweisung des dogmatischen Hochmuts, ins besonders im Zusammenhang mit dem Klerikalismus (geistliche Ämter) und dem Papstum;
· Ideologische Verschleierung des Strebens nach weltlicher Macht, Reichtum und Privilegien als das historisch durchgängige und tragende Motiv der rkK.
Die Diskussionen finden nicht abstrakt statt, sondern im unmittelbaren Bezug zu Dokumenten der rkK. Auf den realhistorischen Kontext (Kirchengeschichte) kann nur punktuell-exemplarisch und zur Anschauung Bezug genommen werden, da sonst der Rahmen dieser Arbeit gesprengt wird. Im Übrigen kann der Leser sich gegebenenfalls selbst einen Überblick zu verschaffen[6]. Damit eine zukünftige Aufarbeitung der Kirchengeschichte als Geschichte der ´Ausbeutung` der Heiligen Schrift zur Legitimation geistlichen Missbrauchs, der wirtschaftlichen und sexuellen Ausbeutung der Menschen< überhaupt fruchtbar werden kann, sollte die das Erkenntnisinteresse bestimmende Leitfragen beantwortet werden: Inwieweit ist die politische / gesellschaftliche Praxis der rkK und die diesbezügliche kirchliche Lehre durch die Bibel gedeckt? Etwa wenn behauptet wird „dass die Gnade des Sakramentes unabhängig von der Heiligkeit des Spenders wirkt“ (Synodaler Weg II 2022:15) weil „die Wirkmöglichkeit des sakramental-priesterlichen Dienstes unabhängig von der moralischen Disposition des Amtsträgers gegeben“ sein muss (dito, Fußnote 41).[7] . Tatsächlich verhält es sich genau umgekehrt. Nicht die Heiligkeit des Priesters ist ausschlaggebend für die heilende Wirkung eines Gottesdienstes oder eines Sakramentes, sondern allein der Glaube des Gläubigen. Sakramente wirken weder durch den Ritus und noch durch die angeblich charismatische Kraft des Vermittlers, sondern allein durch den Glauben des Gläubigen.
Das Denken der Kirche, ihre Ideologie, ist maßgeblich durch die (Kirchen)Geschichte des frühen Christentums und die Schriften der Kirchenväter (Patristik) geprägt. Wichtige, bis heute gültige dogmatische Entscheidungen wurden in der frühen Phase der Kirchengeschichte getroffen. Diese bestehen zum einem aus apologetische Schriften (theoretische –theologische Verteidigungs- und Begründungsschriften), die auf die Gewinnung griechischer und römischer Heiden für das Christentum und auf den Kampf gegen sog. Häretiker (Christen, die in einigen Punkten anderer Auffassung waren) zielten. Mit dem Ende der Christenverfolgung zielten sie zweitens darauf ab, das Christentum mit dem röm. Imperium zu ´versöhnen`. Diese Tradition (Patristik) dominiert die Auslegung und Interpretation der Heiligen Schrift und ist ein maßgeblicher Pfeiler kirchlicher Lehre. Dazu gesellen sich päpstliche und kuriale Schriften. Aufgrund des Selbstverständnisse, wonach sich der Papst und die röm. Kurie in Glaubensfragen nicht irren können, was bedeutet, dass eine neue Aussage einer älteren nicht widersprechen darf, erzeugen die Kirche ein tautologisches System selbstreferentieller Aussagen. Dessen Erkenntnispotentail geht gegen Null, bewährt sich aber, um Verwirrung und Desorientierung der Gläubingen herzustellen. Parallel dazu wird die Auslegung der Heiligen Schrift profanisiert und ihres transzendenten wie ideologiekritischen Potentials beraubt.
Ein tieferer Grund liegt in dem profanen Verständnis vom Reich Gottes, dessen ´Kommen` die frühen Christengemeinden unter Kaiser Konstatins im röm. Imperium verwirklicht sahen. Im Rahmen der kulturellen und politische Assimilation verzichten sie auf das staats- und herrschaftskritische Potential des Evangeliums. Stattdessen wandten sie sich, dankbar über die schrittweise Legalisierung des Christentums und die Erhebung zur Staatsreligion durch Theodosius d.Gr. 380 n.Chr. (siehe Kapitel 5) der Versöhnung mit der imperialen Herrschaft zu. Im Lichte eines verfälschten „heilsgeschichtlichen Verständnisses sahen die ersten christlichen Apologeten, die sich mit den religiösen und kulturellen Werten des römischen Reichs auseinanderzusetzen hatten, dieses als Gegenwart des Wortes an, das >jeden Menschen erleuchtet, der in die Welt kommt (Joh.1,9)“ (Boff, L.1985:172). Staatsraison und ´Reinheit des Glaubens`, Kaisertum und Papsttum legitimierten sich seitdem gegenseitig in ihrem unterdrückerischen gewaltsamen Handeln. Die ´Einheit der Kirche` wird zum Standardargument für die Aussonderung und Verdammung konkurrierender Ansichten und deren Protagonisten. Zugleich führt jeder Kampf gegen äußere Feinde zu Stärkung der hierarchischen Strukturen im Inneren. Die Gruppendynamik der Kirche unterscheidet sich darin in keiner Weise von der profaner Organisationen. Auch darin ist sie nicht historisch, sondern aktuelle Gegenwart.
2 Ratzinger und die Schuld der 68-ziger
In einer der ersten Pressekonferenzen, über die ich berichten konnte, saß ich Anfang Februar 1998 in Hamburg einem Präfekten der Glaubenskongregation namens Joseph Kardinal Ratzinger gegenüber. Mich verstörte zutiefst, dass er Sachverhalte behauptete, von denen ich wusste, dass sie nicht zutrafen. ... Der Kardinal behauptete – auch auf meine Nachfrage hin, ob er die Zahlen der DBK nicht kenne – objektiv falsche Tatsachen. … Hätte Ratzinger die falschen Tatsachenbehauptungen mit Vorsatz aufgestellt (was sich nicht nachweisen lässt), hätte er die Öffentlichkeit belogen. Hätte er ohne Vorsatz gehandelt, wäre dies fahrlässig gewesen, indem er die Unterlagen, von denen ich wusste, dass sie ihm zugegangen waren, nicht zur Kenntnis genommen hatte. In jedem Fall lag seinem Drängen, die Kirche in Deutschland müsse das gesetzliche Schwangerenkonfliktberatungssystem verlassen, ein willkürbehaftetes sittliches Urteil zugrunde. Deckers, D. 2022:90
Das aktuelle Ausmaß ideologischer Verblendung der Amtskirche wird in einem Aufsatz „Missbrauchskrise ist Glaubenskrise“ von J. Ratzinger (Ratzinger, J. 2019) vom April 2019 deutlich. Hier versucht er aus seiner Sicht die tieferen Gründe für den Missbrauch darzulegen. Sein Aufsatz besteht aus drei Teilen. Im ersten Teil versucht er „den allgemeinen gesellschaftlichen Kontext … darzustellen, ohne den das Problem nicht verständlich“ sei. Explizit nennt er die 1960-ziger Jahren, in denen „ein ungeheuerlicher Vorgang geschehen ist, wie es ihn in dieser Größenordnung in der Geschichte[8] (Hervorhebung O.I.) wohl kaum je gegeben hat. Man kann sagen, daß in den 20 Jahren von 1960 – 1980 die bisher geltenden Maßstäbe in Fragen Sexualität vollkommen weggebrochen sind und eine Normlosigkeit entstanden ist, die man inzwischen abzufangen sich gemüht hat.“
Mit den ungeheuerlichen Vorgängen meint Ratzinger die „vom Staat verordneten und getragenen Einführung der Kinder und der Jugend in das Wesen der Sexualität“ (Sexualkundeunterricht). Seine Kritik daran: „Was zunächst nur für die Aufklärung junger Menschen gedacht war, ist danach wie selbstverständlich als allgemeine Möglichkeit angenommen worden.“ Es scheint um zwei Dinge zu gehen: Sexualität ohne die Absicht der Zeugung und das Verführungspotential sexueller Aufklärung. Dass in der sexuellen Aufklärung etwas ´erfunden` oder legitimiert wird, was es zuvor noch nicht gab, ist Ausdruck seiner Realitätsphobie bezüglich Sexualität und der kirchlichen Strategie der Verdrängung und der systematischen Verdrehung von Ursache und Wirkung. Natürlich ist nicht ausgeschlossen, dass Jugendliche etwas sehen, was sie sonst erst später oder nie gesehen hätte (was heute geradezu unmöglich ist). Möglich, dass Information über den praktischen Vollzug von Sexualität Menschen mit einer Sexualität verteufelnden Erziehung überfordert. Für die Masse der heranwachsenden Jugendlichen bedeutet die Aufklärung eine Möglichkeit zu einem bewussteren, vor allem zu einem Umgang zu kommen, bei dem sie nicht auf sich selbst gestellt sind, weil die familiäre und schulische Erziehung in diesem Punkt versagt. Unbestreitbar ist es von Vorteil, wenn in auf Nähe und Intimität angelegten Interaktionen beide Partner voneinander wissen, was der andere weiß. So kann bis zum einem gewissen Grad die Asymmetrie sexueller Begegnungen abgemildert und die Sprachfähigkeit im Konfliktfall erhöht werden.
Wie blind und unbeholfen seine ideologische Engstirnigkeit Ratzinger macht, zeigt sich vielleicht am deutlichsten in dem nachfolgenden Abschnitt:
„Zu den Freiheiten, die die Revolution von 1968 erkämpfen wollte, gehörte auch diese völlige sexuelle Freiheit, die keine Normen mehr zuließ. Die Gewaltbereitschaft, die diese Jahre kennzeichnete, ist mit diesem seelischen Zusammenbruch eng verbunden. In der Tat wurde in Flugzeugen kein Sexfilm mehr zugelassen, weil in der kleinen Gemeinschaft der Passagiere Gewalttätigkeit ausbrach. Weil die Auswüchse im Bereich der Kleidung ebenfalls Aggression hervorriefen, haben auch Schulleiter versucht, eine Schulkleidung einzuführen, die ein Klima des Lernens ermöglichen sollte.
Zu der Physiognomie der 68er Revolution gehörte, daß nun auch Pädophilie als erlaubt und als angemessen diagnostiziert wurde …“
Dass in den 68-zigern eine Reihe von Protagonisten mit dem rasanten Tempo des Umbruchs überfordert waren und die Grenzen sexueller Praktiken punktuell überzogen haben, ist nicht zu bestreiten. Wer verstehen und verständlich machen will, was ja der Anspruch Ratzingers ist, der sollte sich redlicherweise mit der Binnenkultur der 68-ziger befasst. Dann würde er feststellen, dass sexuelle Unterdrückung überhaupt erstmalig als solche zur Sprache kam und dass es gerade die repressive und lebensfremde Sexualmoral der Kirche, mit dem dazugehörigen Frauen-, Familien- und Kinderbild war, die die möglicherweise ´überschießenden`[9] Ideen hervorgerufen haben. In ihrem Gutachten für das Bistum Aachen verweisen die Gutachter darauf, das vermutet wird, „dass der Gewaltaspekt von den Befürwortern einer liberalen Sexualmoral bewusst unterdrückt wurde, um zu verhindern, dass dieser Aspekt von konservativen Kräften für ihre Zwecke und Ziele instrumentalisiert werden konnte. Die Folge war letztendlich eine weitere Tabuisierung sexueller Gewalt gegen Mädchen und Jungen, die erst Mitte der 1970er Jahre durch die Initiativen der (zweiten) deutschen Frauenbewegung ein Ende fand.“ (Westpfahl, M. et al 2020:27)
Ein Mindestmaß an Redlichkeit Ratzingers hätte ebenfalls darauf verwiesen, dass Frauen und Kinder bis dahin weitgehend rechtlos in ehelichen und familiären Strukturen gehalten wurden, die eher bürgerlichen Besitzverhältnisse (vgl. Gamillscheg, F. 1989) ähnelten als dem heiligen Ehebund, der doch sonst die in das Ehe- und Familienleben eingreifende Dogmatik der rkK. rechtfertigt. Redlichkeit hätte auch eingestanden, dass unzählige Frauen und Kinder in den 2000 Jahre zuvor wegen kirchlicher Sexualmoral und Ehevorstellungen seelisch und körperlich zusammengebrochen sind[10], weil die Kirche Gewalt, Vergewaltigung und Ausbeutung in Eheverhältnisse immer über die angeblich[11] gottgewollte Unauflöslichkeit der Ehe gestellt hat.
[1] Die Unterscheidung von richtig und besser ist nicht unerheblich, weil >richtig< als nicht-normative Kategorie z.B. als Verfahrensanweisung verstanden werden kann.
[2] Die Betroffenen selbst legen Wert auf eine andere Benennung wie >Überlebende< oder> Widerstandskämpfer*innen<
[3] Eine Bezeichnung, die vom Missbrauch unmittelbar Betroffene häufig für sich wählen-
[4] Siehe auch die Arbeiten von Doris Wagner.
[5] >Glaubende< bezeichnet diejenigen, die sich als Suchenden guten Willens verstehen und nicht davon ausgehen, dass gerade ihre Varianten des Glaubensbekenntnisses, das einzig richtig ist (=Gläubige)
[6] Als Ausgangspunkt eignet sich http://www.kathpedia.com/index.php/Kirchengeschichte (18.5.23) sowie auf die im Text verwiesenen Quellen.
[7] https://www.synodalerweg.de/fileadmin/Synodalerweg/Dokumente_Reden_Beitraege/SV-IV/SV-IV-Synodalforum-II-Grundtext-Lesung2.pdf (18.5.23)
[8] Das sagt jemand, der Hitlerfaschismus und Krieg miterlebt hat!!!
[9] Damit soll der energetische, motivationale Anteil betont werden, der sich infolge der gesellschaftlichen Repression der Nachkriegszeit ´Luft` gemacht hat.
[10] Siehe hierzu die Geschichte zum § 17, Artikel in der Frankfurter Rundschau: Vergewaltigung in der Ehe – „In ehelicher Zuneigung und Opferbereitschaft“ Erstellt: 13.05.202 https://www.fr.de/kultur/gesellschaft/vergewaltigung-in-der-ehe-in-ehelicher-zuneigung-und-opferbereitschaft-91544500.html (18.5.23)
[11] Ausführlich dazu siehe 4.5.8-9.
